Von Nina Grunenberg

Gewerkschafter leben in einer Welt für sich. Wer nicht dazu gehört, hat nichts zu melden. Bürgerliche Individualisten ohne verbrieftes Arbeitnehmerbewußtsein haben von ihnen schon gar nichts zu erwarten. Was immer solche Leute über sie denken oder schreiben, läßt Gewerkschafter unbeeindruckt; sie finden deren Ansichten bestenfalls possierlich oder exotisch. Spaziergänger zwischen den Fronten passen in ihre Gesellschaft nicht hinein.

Wie läßt sich von dieser Gewerkschaftswelt dennoch eine Innenansicht gewinnen? Als ihre "geborenen" Gegner möchten die Arbeitgeber über sie Bescheid wissen. Sie haben mit ihnen in ihren Betrieben zu tun, sie, müßten sie aus den nächtelangen Tarifverhandlungen kennen, in denen sie sich gegenseitig belauern und ergründen. Aber das ist nur eine reizvolle Idee, keine ergiebige. Die Unternehmer sind in der Festung Marktwirtschaft verschanzt und pflegen ihre gesellschaftspolitischen Begrenztheiten genauso wie die Gewerkschafter. Ausnahmen sind selten.

Sind die Sozialdemokraten kompetente Gesprächspartner? Pro forma sind die meisten Parteimitglieder auch Gewerkschafter, aber zu sagen hat das nicht viel. Die in der Arbeiterbewegung zu Anfang dieses Jahrhunderts besiegelte Arbeitsteilung zwischen Partei und Gewerkschaft – die einen für die Politik, die anderen für die Ökonomie zuständig – enthebt sie der Anstrengung, die Gewerkschaftsprobleme abseits der ausgetretenen Pfade zu analysieren.

Einer der wenigen, der sich keine Illusionen über die Gewerkschaften macht, ist Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Er regierte mit ihnen. Als ihr treuester Parteigänger nach außen sparte er intern nicht mit herber Kritik. Die entschiedene Gleichgültigkeit, mit der die Gewerkschafter die veränderten ökonomischen Daten übersahen, und es anderen überließen, aus den Fehlentwicklungen der Sozialpolitik Schlüsse zu ziehen, machte ihn zunehmend nervös.

Von der CDU wird wahrlich niemand so schnell Aufschluß über die Gewerkschaften erwarten. Doch gibt es gerade in ihren Reihen – abgesehen von Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm, der die Arbeitnehmerorganisation aus eigener Funktionärsarbeit kennt – die eine große Ausnahme: Kurt Biedenkopf, CDU-Oppositionsführer im Düsseldorfer Landtag. Seit er zum erstenmal im Ruhrgebiet zum Wahlkampf antrat und sich einer Phalanx von SPD und Gewerkschaft gegenüber sah, der er hoffnungslos unterlegen war, läßt ihn das Gewerkschaftsthema nicht mehr los. Als Wirtschaftswissenschaftler ist Biedenkopf heute einer der wenigen, der sich mit der Rolle der Gewerkschaften in einer Welt ohne Wachstum intensiv auseinandersetzt.

Eigentlich wäre es wohl vor allem Sache der Sozialwissenschaften gewesen, zum erhellenden Diskurs beizutragen. Doch da muß man lange suchen. Zwar wurden Arbeitswelt und Gewerkschaftsverhalten von den Sozialwissenschaftlern Ende der sechziger Jahre mit neuem Engagement entdeckt. Viele setzten das jedoch in praktische Politik um, zogen selber in die Gewerkschaften ein – noch mehr versuchten ihr Heil in der sozialdemokratischen Partei – und verhielten sich wie Konvertiten. Sie waren so sehr damit beschäftigt, gewerkschaftliches Bewußtsein zu erwerben, daß sie aufhörten, es zu analysieren. Handfeste Studien über Gewerkschaften gibt es nicht viele.