Das Elend In Amerika: Hunger und Wohnungsnot

Von Michael Schwelien

Detroit, im Dezember

Lou Warren ist ein stolzer Großvater, und eigentlich könnte er froh sein, daß er jetzt vor Weihnachten seine ganze Familie um sich versammelt hat. Doch seine beiden Söhne, sein Schwiegersohn, deren Frauen und die acht Enkel sind nicht aus freien Stücken in das viel zu kleine Haus der Warrens in Troy, einem Vorort von Detroit, zurückgekehrt. Sie haben überall im Lande nach Arbeit gesucht – ohne Glück. Nun blieb ihnen keine andere Wahl.

Der Schwiegersohn, Robert Curtis, hat eine kleine Odyssee hinter sich. Als 1980 sein Werk, die Hydromatic Plant bei Detroit, geschlossen wurde, weil der Bedarf des Automobilriesen General Motors an Servolenkungen und Servobremsen gedeckt war, ging Curtis in den Süden. Von der Rust Bowl in die Dust Bowl, sagt er.

Der Optimismus verblüfft

Rust Bowl – Rostschüssel – nennen die Amerikaner die Nordoststaaten, deren Automobil- und Stahlindustrie tief in der Krise steckt, und in denen die Arbeitslosenquote oft über 15 Prozent liegt. "Dust Bowl" – Staubschüssel – nannten sie in den zwanziger und dreißiger Jahren die Gegend um Oklahoma, Kansas und das nördliche Texas. Damals litten arme Landarbeiter und kleine Bauern unter den ewigen Sandstürmen, die das Land unfruchtbar machten. Heute geht es den Staaten in der Dust Bowl besser. Hier haben sich viele moderne Industrien niedergelassen. Die Arbeitslosigkeit in Kansas beträgt heute "nur" 7,1 Prozent, in Oklahoma 5,6 Prozent, in Texas 8 Prozent.