Kernland der Arbeitslosigkeit? Die Innenstadt von Gelsenkirchen ist ein einziger Bauplatz. Bulldozer haben den alten, verwinkelten Bahnhof aus wilhelminischen Tagen niedergerissen. Die Revierstadt setzt sich ein neues, ein funktionales und gesichtsloses Wahrzeichen.

Jetzt stehen Bagger und Planierraupen verloren auf dem zerwühlten Gelände herum. In den Vorweihnachtstagen jagt eine Hiobsbotschaft die andere: Kurzarbeit in den Stahlwerken, Entlassungen in allen großen Betrieben, gleich nebenan in Castrop-Rauxel schließt wieder eine Zeche; die Kindergärten werden auch teurer. Weihnachten 1982 ist ein Fest unter bedrückenden Vorzeichen.

In sich gekehrt hasten die Menschen an den grauen Fassaden des Einkaufszentrums in der Bahnhofstraße entlang. Achtlos laufen sie an den Bratwurst- und Süßigkeitsbuden vorbei. Vergeblich schreit sich der billige Jakob an der Ecke die Kehle heiser. Voller Unmut zerrt ein Familienvater seinen kleinen Sohn von einem mit Kinderspielsachen vollgestopften Schaufenster weg.

Nur wenige große Kaufhäuser sind weihnachtlich geschmückt. Aschgrau und unwirtlich liegt die Stadt da, eine melancholische Absage an die bürgerlichen Großstädte mit ihren üppigen Dekorationen und ihren weihnachtlich drapierten Passagen.

Nur der Himmel sticht vom tristen Stilleben ab. Blau und klar und wolkenlos steht er über der in sich gekrümmten Industrielandschaft wie eine Illustration zu einer Novelle von Adalbert Stifter: Wenn der bedrängte Abdias nach oben blickt und Trost sucht, schaut die Schöpfung teilnahmslos auf ihn herab.

Jede Zeit hat ihre Krisenbilder: 1932 – Männer, Frauen und Kinder buddelten auf der Schutthalde nach Brennbarem, standen Schlange vor dem Schlachthof in der Hoffnung auf ein paar Abfälle. Fünfzig Jahre später stehen die Menschen in den Kneipen; sie verstecken sich hinter Biergläsern, Spielautomaten und Wirtshaustischen. Ihre existentielle Not ist nicht mehr so augenfällig, wie es die ihrer Väter und Großväter damals war. Sie leiden keinen Hunger. Und doch: Gegen ihre Verzweiflung wäre jeder Therapie-Versuch umsonst. Was innen helfen kann, ist allein ein neuer Arbeitsplatz.

Die Lokalpresse würdigt einen verdienten Jubilar. Vor fünfzig Jahren, kurz vor Weihnachten 1932, hatte sich Wilhelm Ossmann aus der Depression gerissen: "Ich war arbeitslos und beschloß, mich selbständig zu machen", erinnert er sich. Heute ist er Unternehmer und blickt stolz auf sein Lebenswerk zurück. Eine Geschichte aus versunkener Zeit.