Ohne Sesselbahnen und Lifte würde heute mancher Alpenort noch immer in tiefem Dornröschenschlaf ruhen. Welchen wirtschaftlichen Aufschwung die Stahlkabel nach sich ziehen, aber auch welche Kosten und Mühen es macht, ein neues Skigebiet aufzubauen, zeigt sich beispielhaft in dem noch jungen Skiort Matrei in Osttirol.

Am Anfang – in den späten siebziger Jahren – stand die schlichte Einsicht: "Von einer Saison können wir nicht mehr leben." So formuliert es, stellvertretend für viele, Edi Amoser, Direktor des Fremdenverkehrsverbandes Matrei in Osttirol. Eine Rettung aus der ökonomischen Misere versprachen sich die ein wenig abseits der großen Touristentummelplätze liegenden Matreier vom schnellen Ausbau ihres Goldriedgebiets zu einer neuen Skiregion.

Und so brachen denn die Naturschutzkommission, die Lawinenschutzkommission, Liftingenieure, Bergbauern und schließlich der Gemeinderat samt Bürgermeister auf, um die zukünftigen Trassenführungen aus der Luft und vom Boden aus zu inspizieren. Auf die Schneesicherheit des Gebiets galt es zu achten, auf die Hanglagen, über die die Trassen geführt werden sollten, auf die Himmelsrichtungen, aus denen die Skifahrer ins Tal wedeln würden, auf lawinengefährdete Bergflanken. Es mußte besprochen werden, welcher Streckenabschnitt zu begradigen und welcher Teil lawinensicher zu verbauen sei, wie viele Fichten der Axt zum Opfer fallen würden und wieviel Grassamen man für einen neuen Wuchs zu bestellen habe. Als schließlich auch noch die heftigen Proteste der Naturschützer nach der Erfüllung ihrer Forderungen verstummt waren, brach im Frühjahr 1980 im Tal und auf der Höh’ der Bauboom aus: Wichtigstes Transportmittel für die eisernen Stützen und Betonfundamente war der Hubschrauber, mit dem sich selbst im unwegsamsten Gelände nahezu jede technische Schwierigkeit lösen läßt.

Als die Matreier endlich im Frühwinter 1980 ihre beiden neuen Sesselbahnen – unterteilt in zwei Sektionen – in Gang setzten und Bilanz zogen, hatten sie 50 Millionen Schilling (über sieben Millionen Mark) verbaut und nochmals Hunderttausende in Eigenleistung erbracht. Die Finanzierung dieses Großprojektes allerdings wäre für die Kleingemeinde ein zu gewaltiger Brocken gewesen. Sie griffen auf das klassische österreichische Finanzierungsmodell zurück: Eigenmittel (hier: sieben Million Schilling, fast eine Million Mark) plus Zuschüsse vom Land plus Zuschüsse vom Bund plus zinsgünstige Aufbaukredite, die allerdings nur "fremdenverkehrsförderungswürdigen" Gebieten gewährt werden.

Die Lift-, Restaurations- und Jausenstationsbauten bis hinauf auf 2160 Meter Höhe regten auch im Tal auf 1000 Meter Höhe eine rege Bautätigkeit an. Es setzte sich jenes Karussell in Schwung, das berufsmäßige Kritiker immer wieder in Schwindel versetzt: Neue Parkplätze und Parkgaragen mußten her, Restaurants, Imbißstuben, Andenkengeschäfte und komfortablere Hotels. Allein für die 1-A-Unterkunft an der Talstation wurden von privater Seite 50 Millionen Schilling investiert. Kräftig mischten auch die Deutschen mit: Das zweite 1-A-Hotel gehört einer schwäbischen Firma.

Aber es ging "ohne Verschnaufpause" (Amoser) weiter. Nach einer knapp halbjährigen Bautätigkeit wurde am Nikolaustag 1982 ein neuer Schlepplift in Betrieb, genommen. Baukosten: 20 Millionen Schilling (rund 2 850 000 Mark), wobei allein acht Millionen (rund 1 140 000 Mark) für Umwelt- und Naturschutzvorhaben verwendet werden mußten. "Auf der Alpensüdseite", sagt Edi Amoser, "ist dieser Schlepplift einmalig": Er windet sich in Kurven bis auf 2400 Meter hinauf und ist von beiden Seiten zu besteigen.

Der wirtschaftliche Erfolg all dieser Anstrengungen hat, so Amoser, "unsere Erwartungen übertroffen". Über 80 000 Übernachtungen von rund 10 000 Wintergästen wurden gezählt. Der einsetzende Touristenstrom löste auch ein ernsthaftes Problem der Bergbauern: Ihre Söhne fanden zum erstenmal während der Schneezeit einen festen Arbeitslatz. Insgesamt brachten die Liftgesellschaften und andere neue Fremdenverkehrsbetriebe über 50 neue Arbeitsplätze. Die diesjährige Wintersaison allerdings fängt nicht vielversprechend an. Der Buchungseingang, so heißt es im Matreier Bürgermeisteramt, sei sehr schleppend.

Rainer Schauer