Heiter in Hannover: am Eingang der Ausstellungsräume der Kestner-Gesellschaft stehen zwei kleine Palmensäulen, aus Glas- und Steinmosaik gefügte, massive Glitzerpflanzen, postiert auf runden Betonsockeln. Ein fröhlich-feierfreudiges Entree (von Ned Smyth), und dabei kam die Nachricht, daß der Münchner Herrenausstatter Wormland die Kestner-Gesellschaft "für ihre beharrliche national und international orientierte Vermittlung aktuellen Kunstschaffens" mit einem Preis ausgezeichnet hat, doch erst, nachdem die Ausstellung schon eröffnet war. Hindurch zwischen den Glitzer-Palm-Babys, und der Blick fällt auf eine Bildcollage von Judy Pfaff, auf der, teils gemalt, teils appliziert, leuchtend farbige oder funkelnde Kringel, Spiralen und andere, frei dekorative Formen ein bewegtes Leben führen. Das ist so munter wie ein mit Südseefischen vollgepacktes und zur Nacht illuminiertes Aquarium.

"New York Now", die immer noch Weltstadt Nr. 1 der Kunst heute: in Hannover ist sie mit 25 jungen Künstlern vertreten, präsentiert sich auf den ersten Blick fröhlich, selbstbewußt, glatt und witzig. Und dieser erste Blick erhält immer wieder neue Nahrung: durch Robert Kushner zum Beispiel, den "Pattern-Painting"-Künstler, der aus schimmernden und glitzernden Materialien, die man sonst für die Anfertigung von Theater-Garderobe oder Milieu-Wäsche verwendet, ein zwischen Matisse und Pop erdachtes großes Stoffbild mit dem Titel "Teegesellschaft" genäht und gemalt hat; oder durch Joe Zucker, der sich seinem Namen wohl sehr verpflichtet fühlt und seine großen, komischen Box-Szenen aus einem kuvertüreartigen Material namens Rhoplex gestaltet, die Konturen dann so mit Watte nachpolstert, daß man meinen könnte, es sei angerührter Puderzucker oder gespritzte Sanne. Daß es von der Komik und vom heiteren Zitat nur ein kleiner Schritt ist zu Kitsch und Pastiche zeigt ein "wirkliches" Mosaikbild von Ned Smyth, einen lockenköpfigen Flötenbläser darstellend, und zeigen die Ikonen-Zitate von Thomas Lanigan-Schmidt.

"New York Now": Nachdenklichkeit und Skepsis unterbricht den Frohsinn; Sprayer-Geläufigkeiten eines jungen Mannes namens "Futura 2000" und Graffiti plus Dubuffet-Kritzeleien von Jean Michel Basquiat profitieren noch von dem, was sie ungeniert zitieren. Einen Schritt weiter geht Nicholas Africano, von dessen nach dem Roman von Stevenson "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" entstandener Bild-Serie hier zwei Beispiele zu sehen sind: ein auf grauer Leinwand erstarrtes Marionettentheater. Noch intensiver ist die Arbeit von Troy Brauntuch: drei schmale, verglaste Bildtafeln setzt er hufeisenförmig zusammen, aus deren fast totaler Dunkelheit Gestalten auftauchen, die so präzise wie unkenntlich zugleich sind; in der Mitte die leere, weiße Wand.

Erstaunlich ist, daß gerade die in diesem Jahr auf anderen Ausstellungen soviel gepriesenen Namen in Hannover eher für eine Enttäuschung gut sind. Das gilt für Julian Schnabels "Christus in Chinatown" ("maßgeschneidert für die Bedeutsamkeit", nannte Robert Hughes neulich Schnabels "abstrakten Expressionismus der neunten Generation"); und das gilt auch für Jon Borofsky, dessen Versuch, das Porträt Descartes’ (gemalt von Frans Hals) kopierend dadurch in die dritte Dimension zu bringen, daß er es auf vier gegeneinander gesetzte Flächen verteilt, ein Stückchen optischen Klamauks vom Jahrmarkt ist.

"New York Now" ist ein Ausschnitt aus der New Yorker Kunstszene, der Konturen hat und deshalb Grenzen. Die Konturen werden sehr klar in der unverblümten Professionalität, der Chuzpe und Selbstsicherheit, mit der hier Kunst gemacht wird. Die Grenzen der Veranstaltung sind indirekt ablesbar: Ein gutes Drittel der Künstler kommt aus der Galerie von Holly Solomon, der wasserstoffsuperoxydblonden Ziehmutter des "Pattern Painting". Damit ist ein Schwerpunkt gegeben und eine Einseitigkeit. Kein Erbsenzählen derer, die nicht dabei sind. Aber daß neben guten Künstlerinnen wie Judy Rifka und Judy Pfaff die besonders gute Künstlerin Susan Rothenberg fehlt, ist schon zu bedauern. Daß das ganze oder auch nur das halbe New York, N. Y., in die Warmbüchenstraße, Hannover, passen würde, hat freilich keiner angenommen.

P. S. "Hannover Now": Während New York in der Kestner Gesellschaft gastiert und ein paar Gehmiluten weiter der Kunstverein die "69. Herbstausstellung niedersächsischer Künstler" zeigt, haben ein paar junge Künstler und Kunststudenten, die weder hier noch dort hinzugehören, die "1. Gegenwart" eröffnet: Keine Gegen-Aktion zum städtischen Geschehen, sondern eine "Auch"-Ausstellung, wie sie betonen. In alten Fabrik- und Lagerräumen eines Hinterhofs in der Seilerstraße, mit ein paar Installationen im Keller und ein paar Bildern unter dem Dach beweiser, sie, fast ganz auf sich allein gestellt, vor allem eins: daß es die Künstler selber sind, die über das "Now" (oder das "never") entscheiden. (Kestner Gesellschaft bis zum 9. 1. 83, Katalog 29 Mark)

Petra Kipphoff