Auf Sauberkeit haben sich alle berufen, von Robbespierre bis Stalin. Aber niemand hat es bisher damit so wörtlich genommen wie der neue Kremlchef Andropow. Er machte den Kampf gegen die Korruption zu seinem Instrument, mit dem er seit Beginn dieses Jahres an Breschnjew vorbei und auf dessen Kosten zur Macht greifen konnte. Und mit dem gleichen Werkzeug schneidet er nun die alte Seilschaft Breschnjews, die ihm noch Widerstand entgegensetzt, Mann für Mann ab. Stalin erledigte die revolutionäre Elite mit bombastischen erfundenen Schuldzuweisungen. Andropow genügen wahrheitsgetreue Dossiers – auch das gehört zur Bilanz am 60. Jahrestag der Sowjetregierung.

Als dritter Minister seit Andropows Amtsantritt ist jetzt Innenminister Schtscholokow abserviert worden, ein Altgedienter aus Breschnjews Dnjepropetrowsker Clan. Auf seinen Posten ist der bisherige KGB-Chef Fedortschuk gerückt, der erst im Mai anstelle Andropows den Geheimdienst übernommen hatte. Zubor war der aserbeidschanische KGB-Chef und Korruptionsjäger Alijew ins Politbüro aufgestiegen; er hat alle Chancen, schon bald sowjetischer Ministerpräsident zu werden. Zu Stalins Zeiten waren Geheimdienst und Innenministerium noch unter einem Hut. Die Pluralisierung der Sowjetgesellschaft durch Korruption hat es soweit gebracht, daß heute der Geheimdienst als Tugendwärter über bestechliche Polizisten und Politiker triumphieren kann.

Vor einem Jahr tönte der stellvertretende Innenminister Tschurbarnow, Ehemann der in obskuren Kreisen verkehrenden Breschnjew-Tochter Galina: "Staat und Volk fordern, daß die Aktionen der Miliz von maximaler Effektivität sind." Andropow hat so gründlich dafür gesorgt, daß jetzt auch Tschurbanows Stunde schlägt. Das Risiko, das der neue Parteichef bei seiner Machtsicherung eingeht, lautet freilich: Was wird in der Sowjetunion noch funktionieren, wenn auch die Korruption ausgerottet ist? C. S.-H.