Trüffelsuche in den Hügeln Piemonts

Von Wolfram Siebeck

ebel liegt über den Hügeln Piemonts. Die Luft ist feucht und kühl Die Dörfer auf den Nachbarhügeln sind von Albaretto Torre aus mehr zu erahnen als zu sehen. Die sonst so schönen Braunabstufungen der Mauern und Dächer haben sich in ein einheitliches Grau verwandelt; wahrscheinlich wird es bald schneien. Es ist fünf Uhr nachmittags, und bei Cesare sitzen die Gäste und essen und trinken, als hätten sie gerade erst mit dem Mittagessen begonnen.

Cesares Restaurant ist ein Landgasthaus, unscheinbar von außen, unscheinbar von innen. Lediglich die Bilder an den Wänden – Aquarelle und Zeichnungen in moderner Manier – lassen erkennen, daß ländlich hier nicht mit primitiv gleichzusetzen ist.

"Wollen Sie etwas trinken?" fragt Cesares Frau. Wir stehen in der kleinen Bar am Eingang. Sie ist gemütlich wie eine Bushaltestelle, Kinder rennen herum, Hunde bellen; die Beleuchtung ist gleichzeitig grell und trüb. "Wein, Weißwein!" fordert der Franzose. Die Signora stellt eine Flasche Arneis auf die Theke. Der Wein ist kalt und wunderbar erfrischend. "Wann kommt der Trüffelsucher?"

Die Signora schiebt einen flachen, runden Nußkuchen neben die Flasche. "Er wird gleich kommen", sagt sie. "Er weiß, daß Sie hier sind." Cesare und sein Restaurant sind eine Attraktion in Piemont. Manche halten ihn für einen großen Koch; das ist er nicht. Er ist ein begnadeter Amateur, der seinen Gästen das Gefühl gibt, seine Freunde zu sein. Wenn die Bourgeoisie von Turin eine Abwechslung sucht von der Eleganz der Villa Sassi oder der feinen Küche des Marchesi in Mailand, dann fahren sie zu Cesare nach Albaretto Torre und essen kritiklos, was er ihnen vorsetzt. "Sie haben hier neuerdings eine Luxussteuer auf Trüffel", sagt Andreas, der sich auskennt. Er bestellt eine zweite Flasche Arneis. "Das Kilo kostet jetzt 1000 Mark." Der Franzose greift sich an den Kopf: "Mille Deutschmark? C’est ridicule!"

Der Trüffelsucher betritt die Bar. Er ist klein und kugelig, trägt grüne Gummistiefel, Bergstock und einen blauen Stoffhut und heißt Ulderico. Karl May erfand solche Figuren, um seine Leser zu belustigen. Cesare kommt mit einem Körbchen Trüffel dazu, es ist die Ausbeute der letzten Nacht, ungefähr ein Kilo. Trüffelsuche sei Nachtarbeit, sagt Ulderico und zeigt uns seine Taschenlampen. Er sucht zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens. Manchmal geht er auch erst um drei Uhr los,wegen des Hundes, der sei dann weniger durch Geräusche abgelenkt. Unsertwegen macht er heute eine Ausnahme.