Seit langem ist es wie eine Selbstverständlichkeit, daß Christen alljährlich am 25. Dezember der Geburt Jesu gedenken. Weit verbreitet ist nun die Vorstellung, Jesus sei wirklich am 25. Dezember oder in der Nacht vom 24. auf den 25., die eben deswegen die Heilige Nacht oder die Weihnacht heiße, geboren worden. In Wahrheit jedoch ist Jesu Geburtsdatum nirgendwo überliefert, weder der Tag, noch das Jahr, noch auch (wie an dieser Stelle kürzlich dargelegt) der Geburtsort.

Erst im 6. Jahrhundert wurde unsere christliche Zeitrechnung festgelegt, und zwar durch den Abt Dionysius Exiguus, der (im Auftrag des Papstes) die Termine des Osterfestes vom "Jahr der Menschwerdung des Herrn" an berechnete. Dabei kam Dionysius für das Jahr der Geburt Christi auf 754 der Römischen Ära, die "ab urbe condita" zählte, von der Gründung Roms an. Doch hat Dionysius sich dabei um einige Jahre verrechnet.

Der 25. Dezember als Tag von Christi Geburt war schon etwa 200 Jahre zuvor errechnet worden, indem man dem Tag der Verkündigung an Maria, daß sie den Heiland zur weit bringen werde, neun Monate hinzuzählte. Das führte deswegen zu einem zufälligen Ergebnis, weil schon der Tag der Verkündigung nicht überliefert ist, sondern irgendwann ziemlich willkürlich auf den 25. März, den damaligen Jahresanfang, gelegt worden war.

wann genau Jesus geboren wurde, ist also nicht bekannt. Mit einiger Sicherheit läßt sich nur sagen, daß es zwischen 7 vor und 7 nach unserer Zeitrechnung war, aber nicht in Bethlehem, sondern höchstwahrscheinlich in Nazareth. Bethlehem wurde erst später als Geburtsort angenommen, weil (im Alten Testament) vorausgesagt worden war, der Messias werde in der Stadt Davids zur Welt kommen, also in Bethlehem, wo David geboren und später, als König, gesalbt worden war.

Zu der Geburtslegende von Bethlehem gehört die Geschichte vom Bethlehemitischen Kindermord, in der Herodes der Große zu Unrecht als Massenmörder verleumdet wurde. Um den neugeborenen "König der Juden" nicht aufkommen zu lassen, soll Herodes in Bethlehem alle kleinen Kinder im Alter bis zu zwei Jahren getötet haben. Diese Geschichte aber, die nur bei Matthäus steht, nicht bei Markus, nicht bei Lukas, nicht bei Johannes, und die in keiner außerbiblischen Quelle erwähnt wurde, muß als ein literarisches Bild verstanden werden, als eine Art Denkschema.

Dafür gibt es in der Geschichte viele Beispiele. Das wohl berühmteste (und wahrscheinlich von Matthäus als Vorbild herangezogene) ist die Darstellung von der Bedrohung und wunderbaren Rettung des kleinen Mose. Ein anderes Beispiel ist die Geburtslegende des Kaisers Augustus. Da heißt es, der Senat von Rom, der nie wieder einen König zulassen wollte, habe beschlossen, alle im Geburtsjahr des Augustus in Italien geborenen Knaben töten zu lassen, um so auch den kleinen Augustus, den geweissagten neuen Alleinherrscher, mit Sicherheit auszuschalten,

Nie hat irgend jemand in dieser Legende etwas anderes sehen wollen als eben eine Legende. Niemand hat sie je für bare Münze genommen, für Realität. Es ist ja auch gar nicht vorstellbar, daß der römische Senat – noch dazu lediglich auf Grund einer Weissagung – zu irgendeiner Zeit befohlen oder auch nur überlegt haben könnte, alle im Lande neugeborenen Knaben eines ganzen Jahrgangs umbringen zu lassen. Es handelt sich bei solchen Darstellungen, die in der Weltliteratur, vor allem in Mythen und Märchen, häufig vorkommen, um das immer von neuem variierte Thema vom (im nachhinein erfundenen) frühen Bedrohtsein auserwählter Personen und ihrer oft wunderbaren Rettung, die zugleich als Auszeichnung gemeint ist. Das allein ist die Aussage solcher Bilder, ihr Wahrheitsgehalt.