Die Kaufhäuser haben jeden Abend bis neun geöffnet und sind auch sonntags zu Diensten. Aber da der New Yorker von der Erbkrankheit Zeitnot befallen ist, setzt der echte run erst kurz vor Heiligabend ein. Dann regnet es wieder Umsatzrekorde. Rezession? Vergiß es.

Kindern wird für den Wunschzettel in zahllosen Fernsehspots das glubschäugige Filmvieh E.T. als Kuscheltier und das Jungmodell Brooke Shields als sprechende Anziehpuppe empfohlen. Der Superhit sind Videospiele – Wall Street reagiert schon. Derweil beklagt der New Yorker Medienforscher Neil Postman in einem Buch, den Verlust der wahren Kindheit. Vor allem unkontrollierter Fernsehkonsum lasse die Kleinen zu Mini-Erwachsenen verkommen. Der Versicherungsmakler von der Upper East Side versorgt seine Familie zum Fest mit den neuen, winzigen Fernsehern, deren sondermarkengroße Bildschirme den Umsatz der Optiker und Kopfschmerzmittel-Hersteller fördern dürften. Nach dem Walkman nun der Watchman.

Computer-Tüftler haben den Rechner HAL rechtzeitig dazu gebracht, synthetisch-quäkig Weihnachtslieder zu singen. HAL-lelujah! Die Heilsarmee hat ihre Truppen vor die Portale der glitzernden Kauftempel entsandt. Den Krieg gegen die Ignoranz verlieren sie schon deshalb, weil ihr lautes, pausenloses Gebimmel mögliche Spender verschreckt.

Wenn die Dunkelheit das Bühnenbild Manhattans allabendlich für den zweiten Akt umrüstet, erstrahlt das Empire State Building in weihnachtlichem Grün-Rot. „Das Empire State ist unser Weihnachtsbaum“, sagt Willie, der sich einen solchen in diesem Jahr nicht leisten kann. Da wird der aufgeputzte Wolkenkratzer, den Willie von seiner Behausung in der Pitt Street an der Lower East Side sieht, zum makabren Ersatz, Willie ist schwarz und arm. Vor zwei Jahren, mit 55, hat er seinen Job als Busfahrer verloren. Einen neuen hat der freundliche Mann, der in 25 Dienstjahren nur einmal krank war, nicht gefunden. Willies Frau ist irgendwann durchgedreht. Das soll öfter vorkommen an der Pitt Street, Sie hat die Möbel aus dem Fenster geworfen und ist jetzt in einer geschlossenen Abteilung in Brooklyn. Die Möbel wurden nie repariert, Schaumgummi quillt heraus. Willie hat vier Söhne. Die muß er durchbringen. 95 Dollar Arbeitslosenunterstützung in der Woche, außerdem für 150 Dollar im Monat Lebensmittel-Gutscheine, von denen er einen guten Teil in Bier umsetzt. Bier ist Willies Valium. 130 Dollar kostet die Miete, an neue Kleidung ist nicht zu denken. „Direkt hungern tun wir nicht. Wir essen hauptsächlich Pommes frites.“

Willie ist stolz darauf, Amerikaner, New Yorker zu sein. „New York ist eine wunderbare Stadt. Hier geht es halt auf und ab. Damit muß man rechnen.“ Er will wieder arbeiten. Der amerikanische Traum ist noch nicht ausgeträumt. Das Erwachen wird schlimm sein, denn Willie ist auf dem besten Weg, in die Klasse der dauerhaft Armen abzurutschen. Diese Klasse wächst, und von Generation zu Generation wird sich das Karussell des Elends schneller drehen. Willies Söhne haben die Schule einfach verlassen. Wo sie stecken, wenn sie oft tagelang nicht nach Hause kommen, weiß er nicht.

Der Ruf New Yorks, die attraktivsten Sozialgesetze und ein großes Herz für Arme und Alte zu haben, lockte in der Blütezeit der frühen sechziger Jahre viele an. Das Netz, auf das sie gesetzt hatten, zerriß, als das Geld in der Stadt knapp wurde. Inzwischen hat sich Stadtfäule wie ein Krebsgeschwür breitgemacht.

Der Winter wird hart in New York. Schon jetzt liegen die Temperaturen weit unter Null. Mancher Obdachlose wird erfrieren, heißt es. Einige treffen sich zu Weihnachten wieder bei Mutter Jennifer, einer filigranen Person um die fünfzig mit wunderschönen Augen, die Verständnis und Geduld verheißen. Jennifer Barrows leitet eine kirchliche Institution, die man bei uns „Asyl“ nennen würde. Hier heißt sie „Heimat für die Heimatlosen“. Heimat für Millie, die vor zwei Jahren ihr Haus angezündet hat und seitdem von Müllresten und aus zwei Plastiktüten lebt. Brother John verlor vor zwei Jahren nach zahlreichen Nervenzusammenbrüchen seinen Job als Börsenmakler. Als Souvenir aus großer Zeit trägt er eine überdimensionale Gucci-Schnalle auf dem Bauch. Aber jetzt, sagt er, sei er glücklich. Seine Augen strafen ihn Lügen. Freddie ist in Vietnam verrückt geworden, lebt vom Betteln und redet wie ein Maschinengewehr. Keiner hört seinen blutigen Geschichten mehr zu. Luise, zahnlose Emigrantin aus Wien, hat ihr Gedächtnis verloren und klimpert Trauriges auf einem alten Klavier.