Da ist der Wurm drin", sagt man bisher, um anzudeuten, daß sich in eine Angelegenheit Fehler oder Mängel eingeschlichen haben. Künftig wird man darunter wohl etwas ganz anderes verstehen, denn wo der Wurm drin sitzt, da steckt Gewinn. Und je tiefer er sitzt, um so mehr tut sich da eine Goldgrube auf. Die Italiener, die bei schnellem Verdienst immer gern dabei sind, haben das in den USA entwickelte Geschäft mit dem Wurm sofort begriffen und sozusagen auf ihren eigenen Mist umgesetzt.

"Investiere mit Lombri-Humus", ruft in einer Anzeige der größten Mailänder Wirtschaftszeitung 24 Ore ein respektabler Regenwurm den Unternehmern zu – und die Botschaft fällt sozusagen auf fruchtbaren Boden. So hat die multinationale Gruppe Ferruzzi bereits Wurmkulturen für umgerechnet 55 Millionen Mark angelegt. Die Tochtergesellschaft Lombrico Ravenna vertreibt die Wurmprodukte unter dem Markenzeichen "Grünes Leben". Gutes Geld bringt nicht nur der Humus, den die unermüdlichen Tiere sozusagen in Schwarzarbeit produzieren. Der Wurm selbst dient an der Angel als Lockspeise für Fische; er wird zu proteinreichem Futtermehl vermählen und kann sogar als Ausgangsprodukt für einige in der pharmazeutischen Industrie gebrauchte Extrakte genutzt werden.

Läßt die Herstellerin landwirtschaftlicher Produkte Ferruzzi noch eine gewisse Affinität zur Massenhaltung dieser Tiere ahnen, so hatten Italiens größte Privatreeder Costa in Genua, die mit 35 Millionen Mark ins Wurmgeschäft eingestiegen sind und für ihre neue Tochtergesellschaft Vitazoll zwanzig Hektar Land angekauft haben, bisher noch nie etwas mit dem Land zu tun. Auch die Industriellen der Worm Factory AG Ferravalle Scrivia bei Alessandria haben von einem ganz anderen Fach, nämlich der Stickwarenherstellung, umgesattelt.

Allenfalls könnten sie noch über den Fadenwurm eine gewisse Verbindung zu ihrer früheren Aktivität herstellen, aber, wie Fachleute versichern, geht in dieser Industrie nichts über den roten kalifornischen Regenwurm. Mit dessen Hilfe, so rechnet der Direktor der Gesellschaft Vermifert vor, kann man dank einer Investition von sechzigtausend Mark nach zwei Jahren Wurmzucht bereits jährlich tausend Zentner Humus produzieren und für 56 000 Mark verkaufen. Würde man auch die bis dahin gezüchteten Würmer als Angelfutter absetzen, dann ergäben das weitere 58 000 Mark. Die jährlichen Betriebskosten für diese "Wurmfabrik" betragen 24 000 Mark.

Schon hat ein Unternehmer aus Modena, der bisher mit Ersatzteilen für Motorpflüge handelte, ein Patent für vertikale Silos angemeldet, in denen Abwasserschlamm durch Würmer in Humus umgesetzt wird. Natürlich hat er sich selbst der Wurmzucht verschrieben. Wie fast alle italienischen Besitzer von Wurm-Aziendas gehört er der neu gegründeten Assital (Dachverband italienischer Wurmzüchter) an. Präsident dieser erst in den letzten drei Jahren ans Licht getretenen Vereinigung, die in Mailand ihren Sitz hat, ist niemand anderes als der frühere Präsident der Regionalregierung der Lombardei, Cesare Golfari. Bisher hat ihn sein Stellungswechsel noch nicht gewurmt.

Friedhelm Gröteke