Von Rudolf Herlt

Wer kann unter der Wucht niederschmetternder Meldungen die lichteren Töne im Gesamtbild unserer Wirtschaft überhaupt noch wahrnehmen? Aber sie sind da. Sie beherrschen das Bild noch nicht. Aber sie stützen die Hoffnung, daß es bald wieder besser wird.

Vor drei Monaten noch war nicht auszuschließen, daß die westliche Welt über eine internationale Bankenkrise in den Abgrund einer schweren Depression nach dem Muster der dreißiger Jahre gerissen wird. Natürlich wiederholt sich die Geschichte nicht. Die Ursachenkette wäre heute aus anderen Gliedern zusammengesetzt als damals. Aber selbst derjenige, der nicht daran glaubt, daß sich die Menschen je von der Mikrobe Dummheit befreien können, darf mit etwas mehr Zuversicht in die Zukunft blicken – einfach deshalb, weil das Problembewußtsein größer geworden ist.

Dafür gibt es Belege. Mexiko, Argentinien, Brasilien, Polen – Chiffren einer Epoche, in der jene Mikrobe Triumphe gefeiert hat. Nicht die Armsten der Armen haben sich bis zur Halskrause verschuldet, sondern Länder mit übertriebenem Ehrgeiz, deren Regierungen die Tugend der Geduld nicht mehr kannten. Sie trafen auf Bankiers, die wegen der Wirtschaftsflaute in ihren eigenen Ländern die gewohnten Kreditkunden verloren hatten. Auf der Suche nach neuen, fanden sie sie in der Dritten Welt und im Ostblock. Daß sie den deutschen Export ins Ausland begleiten mußten, ist nur ein Teil der Erklärung. Der andere heißt Herdentrieb. Rückblickend kann man nur staunen, daß die Banken in einem solchen Umfang Auslandskredite gegeben haben.

Einige von ihnen haben sich dabei sichtlich übernommen. Wenn sich Mexiko, Brasilien, Argentinien und Venezuela gleichzeitig für zahlungsunfähig erklärten, müßten die Banken die Kredite in ihren Bilanzen als Verluste abschreiben. Dann wären einige von ihnen pleite. Durch eine solche internationale Bankenkrise käme jene Kettenreaktion in Gang, die uns in den Abgrund einer tiefen Depression stürzen würde.

Die Gefahr ist abgewendet worden, die Mikrobe ist auf dem Rückzug. Entschlossenes abgestimmtes Handeln der US-Regierung, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der Notenbanken, der privaten Banken und des Internationalen Währungsfonds haben den Fall des öl- und schuldenreichen Mexiko entschärft.

In Washington haben die Gefahren vor der Haustür zu einem Schlüsselerlebnis geführt. Die Regierung Reagan hat den hohen Wert der internationalen Zusammenarbeit entdeckt und gibt verschämt, aber zielstrebig ihre alte Überzeugung auf, die Vereinigten Staaten brauchten auf niemanden in der Welt Rücksicht zu nehmen. Erstes Ergebnis: Dem in einer Zahlungsklemme steckenden Brasilien wurde aus der Patsche geholfen, noch ehe der Fall explosiv wird.