Von Marion Gräfin Dönhoff

Weihnachten 1982: Es ist gar nicht so einfach, in diesem Jahr aus vollem Herzen einzustimmen in das alte Lied: "Oh, du fröhliche ..." Ein bißchen Angst hat jeder, entweder vor der wirtschaftlichen Lage oder der politischen Entwicklung oder der nie endenden militärischen Rüstung. Und die verschiedenen Prognosen sind auch nicht gerade aufheiternd. Wie sollten sie auch, sie extrapolieren ja meist nur den jeweiligen Mißstand in die Zukunft und kommen dann in ihren Hochrechnungen zur Verdoppelung der unseligen Gegenwartszahlen. Mit anderen Worten, sie lassen alle anderen Daten unverändert, so als gäbe es eherne Umstände, die keine Macht der Welt verändern könnte.

Ein Beispiel: Als im Herbst 1973 die Vervierfachung des Ölpreises der Welt den Atem verschlug, errechneten die in Bonn Zuständigen, daß aufgrund der bis dahin vorliegenden Erfahrungen für je ein Prozent Wachstum 1,2 Prozent mehr Energie benötigt werde. Heute, im Jahr 1982, stellen dieselben Leute fest, daß es nur 0,7 Prozent sind, und für die Zukunft hofft man, mit 0,4 Prozent auszukommen – also mit einem Drittel der prognostizierten Menge!

Könnte es mit der Arbeitslosigkeit ähnlich gehen? Ist es vielleicht nur eine Mode, daß heute einer den anderen an Schwarzseherei überbietet?

Antwort: Natürlich könnte es anders laufen, als die Prognosen sagen, nur ein einziges Element in den Voraussetzungen müßte sich ändern. Und auch dabei handelt es sich nicht um ein von niemandem zu beeinflussendes Naturgesetz, sondern um Entscheidungen, die von Menschen getroffen werden. Aber da die Menschen sich unsere konkrete Welt offenbar nicht anders vorstellen können, als sie zur Zeit ist, sei es erlaubt, einmal unter dem Weihnachtsbaum zu träumen und den Blick auf das Wünschbare, das Wünschenswerte zu richten, anstatt bloß aus der Gegenwart zu extrapolieren.

Doch ehe der Traum beginnt, muß die Ausgangslage real beleuchtet werden. In der Bundesrepublik gibt es über zwei Millionen Arbeitslose, in England über drei Millionen, in den Vereinigten Staaten fast zwölf Millionen. Im Gebiet der OECD, dem westlichen Wirtschaftsklub, sind es insgesamt 30 Millionen. Zu Tausenden summieren sich die Pleiten: Bei uns sind es in diesem Jahr 13 000, und auch in Amerika nehmen die Konkurse zu. Der Bürgermeister von Detroit, dem Zentrum der amerikanischen Autoindustrie, hat vorige Woche sein Gebiet zum "Hunger-Notstandsgebiet" erklärt, weil fast ein Viertel aller Beschäftigten ohne Arbeit ist und ein Drittel der Bevölkerung Hunger leidet. Er will sechs städtische Suppenküchen einrichten, damit die Arbeitslosen, die nur 36 Wochen lang Arbeitslosengeld erhalten, wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit erhalten. Der Gouverneur von Michigan hat zwei Tage später für das ganze Gebiet den Notstand ausrufen lassen.

Allenthalben befindet sich die Wirtschaft auf dem Abwärtstrend. Präsident Reagan hat entschlossen und von Optimismus erfüllt versucht, die Wirtschaft Amerikas durch Steuerermäßigun-/gen wieder in Gang zu bringen – aber er hat sein kühnes Experiment selbst vereitelt, indem er gleichzeitig ein riesiges Rüstungsprogramm startete: 1600 Milliarden Dollar sollen in fünf Jahren für Sicherheit ausgegeben werden. Folge: Seine Voraussage, 1984 werde das Defizit im Haushalt ausgeglichen sein, hat sich als grotesker Irrtum erwiesen. Auch wegen der gewaltigen Rüstungsausgaben wird das Defizit für 1984 auf 200 Milliarden Dollar geschätzt; schon in diesem Jahr waren es über 100 Milliarden, und 1983 werden es 150 sein.