Und genau diese Zeit – wo Zorro der Obermacker von Syrien ist – hat August, so’n Polit-Opa aus der Familie der Mumien, ne Volkszähle angesagt. Will mal gucken, wo er die fette Kohle ziehen kann, und alle sind reichlich genervt. Nur Jo, der ist echt cool drauf und gibt seine Matte lieber für Ouzo aus als für Juso und hängt mit Mary in Bethlehem nun in dem letzten miesen Schuppen, wo das im Winter mächtig schattig war, aber sie war auch lieber hochschwanger als niederträchtig und schon kommt Jesse, ist gleich voll da und schwer in action und flippt in der Szene rum, und Jo und Mary sind echt schrill drauf. Draußen auf’m Feld war nu grade das Meeting der Pluderhosenfraktion, die ganze Belegschaft war da am Parken, hatten schwer einen reingedröhnt, der halbe Laden war schon zu, also Canal grande. Kommen die Angels vorbei, die letzten abgelutschten Typen, und sagen sich, diese verstörten Masken müssen wir mal aufmischen, den Schlaffis was von der Dope-Szene beipulen.

Winfried Thomsen: Gott sei Punk. Eine alte Story neu erzählt von Lucky und Matti, in: Heilig Abend zusammen! Ein garstiges Allerlei, herausgegeben von Uwe Wandrey im Rowohlt Verlag, Reinbek.

Ohne „alternative“

Sie bleibt sich und ihrem Namen treu bis zur letzten Ausgabe, die von Hildegard Brenner im 25. Jahr herausgegebene Zweimonatsschrift alternative: Ohne das übliche Geweine, wenn eine Zeitschrift sich auf dem Markt nicht mehr halten kann, verabschiedet sich die Redaktion in dem eben ausgelieferten Doppelheft 145/146 von den Lesern. In der für diese Zeitschrift der Neuen Linken charakteristischen Form der Analyse und selbstkritischen Befragung wird festgestellt: „Die Neue Linke ist schleichend und weitgehend reflexionslos auseinandergebrochen. Es gibt sie als Kollektivum nicht mehr. Die linke Theorie, wie alternative sie mitgetragen hat, hat bei uns keinen Ort und keinen Reflexionsraum mehr. Und die sich innerhalb der sozialen Protestbewegung zur Wehr setzen, machen keinen Gebrauch von dem, was wir produzieren. Damit verliert eine Zeitschrift wie alternative nicht nur ihr Publikum, sondern auch ihre Funktion.“ Das Ende dieser Zeitschrift ist, auch wenn viele am geistigen Leben der Bundesrepublik interessierte Leser es gar nicht merken, ein empfindlicher Verlust. Die kleinen roten Hefte boten der Auseinandersetzung über linke Theorie ein von Dogmen nicht beengtes Forum. Viele (vor allem französische) Denker wie Althusser, Baudrillard, Guattari, Derrida konnte man in dieser Zeitschrift kennenlernen, lange ehe sie von anderen Blättern zu Mode-Philosophen gemacht wurden. Es stimmt, was Helmut Heißenbüttel in seiner Zeitschriftenschau (ZEIT, Nr. 30 vom 21. Juli 1978) geschrieben hat: alternative hat mir Information vermittelt, die ich nirgendwo sonst in der Bundesrepublik fand.“

Dichter im doppelten Exil

Die traurige Wahrheit des Satzes, den der ehemalige Bundespräsident Heinemann gesagt hat, es gebe schwierige Vaterländer, erfährt in diesen Tagen der deutsche Lyriker Cyrus Atabay. Der von den Fanatikern des Chomeini-Regimes Ausgebürgerte, der seit 1978 in London wohnt, soll nicht nach Deutschland zurückkehren dürfen, wo er seit seiner Kindheit gelebt hat. Atabay, 1929 in Teheran geboren, ging von 1936 bis 1945 in Berlin zur Schule, studierte von 1951 bis 1960 in München Literaturwissenschaft und verlernte in dieser Zeit die Sprache seiner iranischen Kindheit so gründlich, daß er das Persische als Fremdsprache lernen mußte, um Dichter aus Iran in Deutschland bekanntmachen zu können. Seit seinem ersten Gedichtband „Einige Schatten“ (1956) gilt Atabay, der inzwischen acht Bücher geschrieben hat, als deutscher Dichter. Marie Luise Kaschnitz lobte die „beinahe klassische Ruhe und Einfachheit“ seiner Gedichte: „Die neue Sprachheimat wird ernstgenommen.“ Den mit deutschen Literaturpreisen ausgezeichneten Autor kennt die Deutsche Botschaft in London nicht: Man verweigerte Atabay das Visum. Das Münchner Kreisverwaltungsreferat lehnt die Rückkehr Atabays, der jahrelang in der bayerischen Hauptstadt gelebt hat, mit dem Bescheid ab: „Wir sind kein Einwanderungsland.“ Wir haben aber nicht so viele gute Lyriker, als daß ein paar wackere bayerische Bürokraten allein darüber entscheiden sollten, ob ein deutscher Dichter in seine Sprach-Heimat einreisen darf oder aus ihr vertrieben wird.