Sittenverwilderung

Das Fernsehen zeigte am 29. Oktober 1969: Willy Brandt trat nach seiner Wahl zum Bundeskanzler vor den Bundespräsidenten Heinemann in der Villa Hammerschmidt, um die Ernennungsurkunde entgegenzunehmen. Glückstrahlend schloß der Präsident den neuen Kanzler fest in seine Arme – so konnte man es genau sehen. Das war nicht gerade der passende Ausdruck für das Verhältnis von Präsident und Kanzler im gewaltenteiligen Staatswesen. Später meinte Heinemann: Die Kameramänner seien zu früh hereingelassen worden. Er hätte von ihrer Anwesenheit nichts geahnt. Am 17. Dezember 1982 zeigte das Fernsehen: nach der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses bei der Ablehnung der Vertrauensfrage des Bundeskanzlers drängten sich CDU- und CSU-Abgeordnete, um triumphierend dem Bundeskanzler Kohl ihre Gratulation zu sagen, und freudebewegt nahm dieser sie entgegen. Jetzt wurde niemand im Plenarsaal des Bundestages von der Fernsehkamera überrascht. Alle wußten und hofften zumindest, daß sie auf dem Bildschirm erscheinen würden. Gemessen an der Umarmung vor dreizehn Jahren war diese Szene ein peinliches Beispiel für die Verwilderung der politischen Sitten. T. E.

Balkan-Familien I

Rumäniens Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu, der ständig Minister und Spitzenfunktionäre auswechselt, um die Schuld an der katastrophalen Wirtschaftslage anderen zuzuschieben, muß demnächst neue Sündenböcke im eigenen Familienkreis suchen. Denn immer mehr Mitglieder aus dem Familienclan Ceausescus steigen in höchste Positionen auf. In das, Zentralkomitee der rumänischen KP ist jetzt auch Sohn Nicu kooptiert worden, dessen Playboy-Eskapaden lange Jahre den Bukarester Klatsch beherrschten. Nicu wird nun ähnlich dynastisch aufgebaut wie der Sohn des nordkoreanischen Potentaten Kim Il Sung. Mit Nicus Aufstieg hat sich die Zahl des Familienclans im Zentralkomitee auf neun Ceausescu-Verwandte erhöht.

Balkan-Familien II

Albaniens früherer Ministerpräsident Mehmet Shehu, der vor einem Jahr Selbstmord beging, hatte sich nach neuer offizieller Lesart "seit Jahren" gegen die mit ihm verschwägerte Führungsspitze verschworen. Das verrät Parteichef Enver Hodscha im jüngsten Band seiner Memoiren. Am Tage vor seinem Selbstmord habe Schehu, so der memorierende Parteichef, vom jugoslawischen Geheimdienst die Order erhalten: "Enver Hodscha muß auf jeden Fall beseitigt werden, nötigenfalls sogar in der Parteisitzung und um den Preis Ihres eigenen Lebens." Dieser Befehl soll am 16. Dezember 1981 an Shehu von seinem Verwandten, dem damaligen Innenminister Fecor Shehu, weitergeleitet worden sein. Der 68jährige Ministerpräsident habe dann im letzten Moment dem Mord den Selbstmord vorgezogen, darin bestärkt von seiner Frau (einer führenden Parteifunktionärin), die so den Ruf des Ehepaares als kommunistische Kämpfer zu erhalten gehofft habe – soweit die Memoiren Hodschas. Der Wahrheit näher kommt allerdings, daß Shehu im Machtkampf mit Enver Hodscha unterlag, weil er, zusammen mit anderen Politikern, Albanien nach Westen öffnen wollte.

Reise-Diplomatie

Der chinesische Ministerpräsident Zhao Ziyang hat eine Besuchstour durch zehn afrikanische Staaten begonnen, die ihn von Marokko bis Zimbabwe führen wird. Zwei wichtige Staaten stehen allerdings nicht auf dem Programm – Nigeria und Libyen, obwohl es nahegelegen hätte, Ghaddafis Staatsbesuch in Peking vom Oktober dieses Jahres zu erwidern. Offenbar hat der Libyer mit seinen antiamerikanischen Sprüchen keine reine Begeisterung geweckt: Zhao Ziyang läßt sich in pointiert blockfreien Ländern sehen, gemäß der neuen und alten chinesischen Linie, ein Entwicklungsland zu sein, das unabhängig von den Supermächten ist.