Von Henry Braunschweig

Aloha, das bedeutet gleichermaßen Willkommen und Lebewohl: "Ich bin in Liebe entbrannt" und "Mein Herz bleibt für immer hier zurück" ... Aloha ist der offizielle Beiname für den 50. Staat der USA, den Aloha State, und ein Signalwort für Aussteiger, Yachties und späte Blumenkinder. Außerdem tragen Drinks, Hemden und Surfbretter, Flug-, Fähr- und Buslinien, Magazine, Hotels, Banken, Touroperators, Charterfirmen, Segel- und Tauchschulen und vielerlei andere gewerbliche Unternehmen diesen Namen.

"Aloha" stand auch in Riesenlettern auf zwei mit exotischen Blüten bemalten Tafeln an der Gangway der SS "Constitution". Unter den Schildern war, in makellosen weißen Uniformen, die Mannschaft zum Empfang der Kreuzfahrtgäste angetreten. Eine Ukulele-Band sorgte für das musikalische Willkommen, während ein halbnacktes Insulanerpaar die Neuankömmlinge nach hawaiischem Brauch mit Blumenketten schmückte.

Viele Passagiere hatten von den Inseln bisher nicht mehr gesehen als die wenig attraktive Route vom Airport zum Hafen, vorbei an ein- und zweistöckigen Betonbauten und rostigen Weltblechschuppen, deren nackte Häßlichkeit auch durch gelegentliche Palmen nicht gemildert wurde. Sie hoffen, ihren Hawaii-Traum an der Reling zu erleben.

Offizielle Bordsprache ist selbstverständlich Englisch, aber auf den Inseln scheint Japanisch fast ebenbürtig zu sein. Gut vier Jahrzehnte nach Pearl Harbour haben die Japaner ihr Ziel, Hawaii zu erobern, anscheinend auf friedlichem Wege erreicht. Nicht nur, daß zwei Drittel der Touristen aus Japan kommen, auch der japanische Bevölkerungsanteil hat sich inzwischen auf rund 40 Prozent – die größte ethnische Gruppe – erhöht. Die Amerikaner japanischer Herkunft sind heute die wahren Herren und haben den Handel und das mittlere Management Hawaiis fest in ihrer Hand. Nichts gehört mehr den Hawaiianern, von denen es heute nur noch ein Prozent reinrassige Nachfahren gibt. Neben den Weißen als zweitstärkste Gruppe findet man noch Filipinos, Chinesen, Koreaner und Puertorikaner; Hawaii ist der asiatische Schmelztiegel Amerikas,

Die Besatzung der "Constitution" spiegelt diese Völkervielfalt ebenso wider wie die Zusammensetzung der Passagiere, die fröhlich das Ablegen ihres Kreuzfahrers verfolgten. In der klaren, warmen Nacht funkelten Abertausende von Lichtern, die sich an den Hügeln von Honolulu hochzogen. An Backbord glitt, wie ein von innen erhelltes Transparent, die Kulisse Waikikis mit seinen Hochhaushotels vorüber. Das Schiff nahm allmählich Fahrt auf.

Die "Constitution" und ihr nahezu baugleiches Schwesterschiff "Independence" liefen 1951 in Quincy, Massachusetts, für die American Export Lines vom Stapel 1979 wurden beide von der American Hawaii Cruises gekauft und für mehrere Millionen Dollar umgebaut, ehe sie den Hawaii-Inseln nach zehnjähriger Pause erstmals wieder einen Schiffahrtsdienst bescherten. Die Ferieninseln waren zuvor nur per Flugzeug zu erreichen.