Von Ben Witter

Lieber Max B., Sie sind gelernter Schweißer, und Ihr Vater war Heizer. Er spuckte in die Hände, wenn es ihm zuviel wurde, und Sie waren Ihr eigener Maurer und Klempner draußen beim Bau Ihres Einfamilienhauses. Und in Ihrer Partei, der SPD, gab es dann Krach. Sie wollten einer jungen Genossin Feuer geben. Die sagte aber, daß sie sich die Zigarette selbst anzünden könne. Ein blau gestreutes Arbeitshemd hatte sie an und studierte Soziologie. Und Sie trugen einen Schlips zum karierten Hemd,

Der Distriktvorsitzende überschüttete die Versammlung mit Fremdworten. Für die meisten waren das aber Zaubersprüche, und sie sagten, er solle endlich mal deutsch reden. Da lachte man, und es ging so weiter, und Sie mußten um fünf wieder aufstehen. Der Distriktvorsitzende ist Lehrer und läuft nur im Paris herum, der Lehrer Ihres Sohnes auch und die anderen. Und das war Ihnen zu viel Uniform. Sie gingen nicht mehr zu den Versammlungen,

Und Ihr Sohn sollte erst eine Lehre als Elektrotechniker machen und später vielleicht über den zweiten Bildungsweg höher kommen. Bei Ihnen zählt die Praxis, und das erklärten Sie auch seinem Lehrer. Ihr Wagen, Max, ist immer gewaschen und geputzt, aber die meisten jüngeren Genossen sitzen in Rostlauben. Das soll ein Protest gegen geschniegeltes Wohlstandsdenken sein und unheilvollen technischen Fortschritt. Inzwischen nennt man Sie einen Rechten, obwohl Ihr Vater schon 1911 in die Partei eintrat, und Sie gleich mit achtzehn. Wenn es Ihnen zuviel wird, dann spucken Sie in die Hände, und wenn Sie die Zaubersprüche nicht behalten, dann bleiben Sie bei deutsch, und dann, Hand aufs Herz: Links ist doch da, wo das Herz schlägt.