Aber der Test, wie das System die Belastung eines sinkenden Wohlstandes und politischer Ungewißheit überdauert, ist noch nicht bestanden

Von Rolf Zundel

Es gibt verschiedene Betrachtungsweisen, un – ter denen das Ende Weimars gesehen werden kann. So hat Karl Dietrich Bracher einmal vier Entwicklungszusammenhänge unterschieden, in denen sich die politischen Voraussetzungen des Nationalsozialismus herausgebildet haben:

  • Die Sonderlage und das Sonderbewußtsein der Deutschen gegenüber der Französischen Revolution und ihren Folgen.
  • Das Scheitern der Revolution von 1848 und seine Konsequenz, nämlich Bismarcks konservativ-nationale Revolution von oben.
  • Innere Strukturprobleme des deutschen Reichs und das Streben nach Weltmacht.
  • Die krisenhafte Nachkriegsgeschichte.

An dieser Aufzählung wird vor allem eins deutlich: Aus einer ganzen Reihe von historischen Quellen ist jene Flut entstanden, die Weimar wegspülte und die Nationalsozialisten an die Macht trug. Und erkennbar wird auch, daß manche dieser Strömungen heute nur noch sehr dünn fließen oder eine andere Richtung genommen haben.

Sonderlage und Sonderbewußtsein: Gemeint war damit das Entstehen einer völkischen Idee, die Verachtung des westlichen Liberalismus und der Antisemitismus. Sonderlage heute? Die völkische Idee hat keinen Glanz mehr, sie ist in die politische Subkultur abgewandert, rumort zum Beispiel als Ausländerhaß, der offiziell von allen Parteien verdammt wird, dessen Affekte allerdings manchmal leichtfertig instrumentalisiert werden. Aber das offizielle Tabu des Rassismus ist noch einigermaßen wirksam. Und die Vorstellung, daß am deutschen Wesen die Welt genesen sollte, klänge heute einigermaßen seltsam – auf dem Staatsgebiete einer Mittelmacht, die im Spannungsfeld von Supermächten liegt. Und das gilt erst recht für deutsches Weltmachtstreben.

Auch der Kontext für die konservativ-nationale Revolution von oben ist brüchig geworden. Und was die krisenhafte Nachkriegsgeschichte angeht, so trägt sie in der Bundesrepublik die Züge einer bestandenen Bewährung: Trümmerfrauen, Ärmelhochkrempeln, Aufstieg zu Wohlstand und internationalem Ansehen, Weder hat es eine Dolchstoßlegende gegeben nach 1945, noch wurden Politiker als Novemberverbrecher oder Erfüllungspolitiker denunziert, der Start der Bundesrepublik war nicht vergleichbar mit dem der Weimarer Republik. Der Mann der Niederlage war Adolf Hitler, keiner der Politiker des neuen Anfangs wurde damit identifiziert. Die bisherige Geschichte der Bundesrepublik trägt die Züge ungewöhnlicher Stabilität.