Ausblick am Jahreswechsel: Haushalten tut not

Von Theo Sommer

I. Der Traum des Pharao plagt die Menschheit seit dem Anbeginn der Geschichte, und er ist zum Trauma geworden für ungezählte Geschlechter: der Alp, daß Wohlstand niemals von Dauer sei.

Dem Herrscher träumte, er stünde am Nil und sähe sieben schöne, fette Kühe aus dem Wasser steigen, danach sieben häßliche und magere Kühe, und die häßlichen, mageren fraßen die schönen, fetten. Die Deutung, die Joseph aus Kanaan – gleichsam als Ein-Mann-Sachverständigenrat – dem Traum gab, markiert den Beginn der Wirtschaftsprognostik: "Siehe,, sieben reiche Jahre werden kommen in ganz Ägyptenland. Und nach denselben werden sieben Jahre teure Zeit kommen, und die teure Zeit wird das Land verzehren, denn sie wird sehr schwer sein."

Der Alp lastet bis heute auf den Menschen. Teuerung und Hunger wechselten durch die Jahrhunderte mit Geldwertstabilität und Überfluß. Auf Hochkonjunktur folgte Zusammenbruch, Stillstand auf Ausweitung, Misere auf Wohlleben – erst im Zyklus der alten Agrarwirtschaft, dann im Zyklus des neuen, von Handel und industrieller Produktion geprägten Zeitalters. Der Krisenkalender ist voller, als dem Normalbürger im Gedächtnis haftet; selbst in den vergangenen 150 Jahren: 1826, 1839–42, 1873–96, 1929-34, 1974–75, 1979->

Marx leitete im Kommunistischen Manifest aus all dem Auf und Ab den Schluß ab, das Ende sei nahe, weil die Aufschwünge immer kürzer, die Krisen immer länger würden. Da täuschte er sich zwar. Doch täuschte sich auch Joseph Schumpeter, als er vor einem halben Jahrhundert feststellte, der Kapitalismus werde nicht sterben, doch könne er nur im Sauerstoffzelt überleben: auf der Intensivstation staatlicher Fürsorge und Bevormundung. Und haben sich nicht all jene doch geirrt, die glaubten, große Wirtschaftskrisen seien heutzutage nicht mehr zu gewärtigen, da längst das Instrumentarium vorhanden sei, sie zu verhindern oder jedenfalls alsbald zu überwinden, wenn es gleichsam versehentlich doch dazu kommen sollte?

Selbst den Fachleuten kommen neuerdings Zweifel. Einen weltweiten Bankenkrach befürchten die einen, einen unaufhaltsamen Anstieg der Arbeitslosigkeit die anderen. Den Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt bedrückt die Sorge, daß aus der gegenwärtigen Rezession eine ausgewachsene Depression entsteht, weltweit. Düstere Ahnungen beschleichen auch das Publikum; anders wäre das "Angstsparen" der jüngsten Zeit schwer zu begreifen. Und selbst ein aufgeklärter, aufklärender Geist wie Hans Magnus Enzensberger, der die Armut nicht zur Tugend stilisiert und den Wohlstand nicht verteufelt, hält dessen Tage für gezählt: "Daß Reichtum immer die Ausnahme ist und nie die Regel, wußte schon der Prediger Salomo – ein extrem unwahrscheinlicher, äußerst labiler Zustand, eine historische Extravaganz, auf deren Fortdauer nur Wundergläubige rechnen können."