Für Leser in Deutschland wird 1983 ein wichtiges Jahr. Wir werden lesen können, was viele nicht mehr und manche noch nicht wissen – und was viele auch jetzt nicht wissen wollen. Als vor fünfzig Jahren, wenige Wochen nach der "Machtergreifung" durch die Nazis, im ganzen Reich Bücher verbrannt wurden, war das nicht nur eine der Propagandaaktionen der neuen Herren, sondern vor allem eine Bestätigung des Satzes von Heinrich Heine, daß wo Bücher brennen, bald auch Menschen brennen.

Eine erst jetzt wiederentdeckte englische Wochenschau vom Mai 1933 machte dies den Betrachtern in einem demokratisch regierten Land damals anschaulich: Hinter den verkohlenden Büchern europäischen Geistes, die am 10. Mai 1933 auf dem Platz zwischen Staatsoper und Universität in Berlin auf Scheiterhaufen geworfen wurden, werden die Leichen verfolgten Menschen sichtbar.

Dieser Film wird, neben vielen anderen historischen Dokumenten, in der Ausstellung zu sehen sein, die in der Akademie der Künste in Berlin vorbereitet wird. Wie große düstere Tapetenrollen werden die "Schwarzen Listen" von der Decke zur Erde fallen, mit den Namen der Schriftsteller, die "offiziell verboten" waren. Und auch dies wurde erst jetzt bekannt, daß es tatsächlich ein Todesurteil gegeben hat – wegen Weiterverbreitung eines Buches, das auf der "Schwarzen Liste" stand.

Daß es fast genügte, die "Schmutz-und-Schund-Gesetze" der Weimarer Republik hart auszulegen und systematisch anzuwenden, um die "Gleichschaltung" der Literatur zu erreichen; daß an den Universitäten, vor allem an den Germanistischen Seminaren aber auch im Buchhandel, Leute bereitstanden, die als ,,zersetzend" geltendes Schrifttum" willig ins Feuer warfen, wird die Ausstellung beigen. Ist es Zufall, wenn der wissenschaftliche Leiter der größten Veranstaltung zum Gedenktag der verbrannten Bücher, der Leiter des Archivs und der Bibliothek der Akademie der Künste in Berlin, Walder Huder, erfahren muß, viele Unterlagen aus jener Zeit seien zerstört, verschlampt, vergessen?

In seinem Arbeitsbericht für Ausstellung und Dokumentation ,,Bücherverbrennung in Deutschland 1933" in der Akademie im Tiergarten (8. Mai bis 3. Juli) kann Huder nicht verheimlichen, daß die Erforschung der Quellen in über hundert Archiven des In- und Auslandes "außerordentlich schwierig" gewesen ist. Weil Huder und seine Mitarbeiter kein Denkmal wollen, sondern eine kritisch kommentierte, überschaubare, aufklärende Sammlung von Fakten und Material, sei schon jetzt auf diese einzigartige Anstrengung eines der ältesten Kulturinstitute Europas hingewiesen, eine der – kulturell und politisch – wichtigsten Ausstellungen des Jahres 1983.

In welch schlimmer Tradition die Nacht vom 10. auf 11. Mai 1933 steht, als in allen Universitätsstädten junge Leute mit Büchern, die sie zumeist nie gelesen hatten, zu den Literatur-Scheiterhaufen marschierten, will die Berliner Ausstellung in einer historischen Vorschau deutlich machen: Schon beim "Wartburgfest" 1817 waren es sogenannte Intellektuelle – Studenten –, die mit markigen Sprüchen Bücher in die Flammen warfen.

Überrascht es da, wenn die Berliner Schau beweisen kann, daß sich die Sektion für Dichtkunst der Akademie – wie Huder es nennt – "selbst ausgebrannt" hat, noch vor der Brandnacht auf dem Opernplatz in warmer Maiennacht? Auch genügte schon eine "Weisung" des NS-Ministers Rust, lange vor dem 10. Mai, um die schriftstellernden Akademiker rasch dazu zu bringen, sich von ihrem "Vorsitzenden", Heinrich Mann, zu distanzieren; das hieß nach dem 31. Januar 1933: ihn für vogelfrei erklären. Heinrich Mann hatte gewagt, zusammen mit Käthe Kollwitz, Albert Einstein, Ernst Toller und anderen, auf einem Plakat gegen die Nazis Front zu machen.