Glücklich zu sein ist auch eine Tugend (Ludwig Börne)

Man hat mich darum gebeten. So will ich versuchen, zurückzudenken an die Begegnung mit dem großen Musiker. Es war in der Tat eine der wichtigsten und spannendsten künstlerischen Begegnungen, die ich als Dirigent hatte.

Das Sinfonieorchester des Westdeutschen Rundfunks, dessen Chef ich zu dieser Zeit war, befand sich auf Gastspielreise in der Schweiz. In Zürich war ein Konzert geplant. Auf dem Programm stand das Zweite Klavierkonzert von Brahms. Eine Probe war für den Vormittag des Konzertes angesetzt. Die Mischung aus Ehrfurcht – ehrlich gesagt: fast Sorge – und Freude, aber auch Hoffnung vor diesem musikalisch, aber eben auch politisch wichtigen Ereignis, die mein Hirn und mein Herz in jenen Tagen bewegte, ist mir gut in Erinnerung, läßt sich aber nur schwer schildern: ein Sinfonieorchester einer großen deutschen Rundfunkstation bekam nach unermüdlichen Bemühungen des damalgen Musikabteilungsleiter K. O. Koch die Chance zu einem Treffen mit dem großen Pianisten. Zuvor war mit Rubinstein ein Portrat für das Deutsche Fernsehen gemacht worden. Man hatte sich gut verstanden und entschied sich bei dieser Gelegenheit für den Plan des Züricher Konzertes. Mit Wilhelm Backhaus hatten wir einige Zeit vorher dasselbe Brahms-Konzert in Köln gespielt. Das war die uns bekannte musikalische Welt Hier fühlte man sich zu Hause und geborgen. Die Spannung darauf, wie es demnächst jener internationale „Gigant“ spielen würde, wie er zu deutschen Musikern und zu deutscher Musik stünde, nachdem er schon nach dem Ersten Weltkrieg mit diesem Land gebrochen und sich geschworen hatte, nie wieder in Deutschland zu musizieren, war unbeschreiblich. Noch heute kein begüterter Schallplattenhörer, wollte ich mir auch damals vor der Begegnung mit Rubinstein meine musikalische Phantasie und die Lust am künstlerischen Abenteuer eines solchen persönlichen Treffens nicht durch vorheriges Anhören irgendeiner Aufnahme mindern lassen.

Es kam dann ganz anders, als ich erwartet hatte, Vor der Probe in Zürich ging ich in das Künstlerzimmer des großen Mannes, um ihm guten Tag zu sagen, um seine Vorstellungen und Wünsche zu dem Klavierkonzert kennenzulernen. Es begrüßte mich voller Herzlichkeit ein junger, älterer Herr mit jener Offenheit und bestimmten Klarheit, aber auch mit jener Bescheidenheit, wie sie sich unter Künstlern fast ausschließlich die Großen zu bewahren wissen. Nach zwei, Sätzen, die gewechselt wurden, war klar, daß er nicht viel vom Reden über Musik hielt, und wir gingen an die Arbeit. Die Probe begann. Von keiner Seite – so war es vereinbart – große Reden zur Begrünung. Eine Spur von Fremdheit oder Hemmung lag in der Luft, zumal Rubinstein das Tempo des ersten Satzes straffer, zügiger nahm, als das Orchester es gewohnt war. Brahms hätte es so gemocht – ich bin sicher. Erst in unserem Jahrhundert hat man doch diese ominöse „Romantik“ erfunden, die man dann glaubte, durch „Schleppen“ oder andere musikalische Unarten interpretieren zu müssen.

Wenn Rubinstein meinte, bei Chopin sei überhaupt nichts „romantisch“, so machte dies Sinn zu seiner Zeit. Von dem großen Romantiker Berlioz allerdings wissen wir, daß Chopin selbst kaum einen Takt im Rhythmus spielte. Berlioz schätzte das gar nicht, wäre aber nie auf die Idee gekommen, dies für „romantisch“ zu halten.

Bei Rubinsteins Brahms waren Sechzehntel Sechzehntel, Triolen blieben Triolen, alles war vernünftig, und trotzdem blühte die Musik, und aus dem Klavier strömten Klingen und Farben, die auch das Orchester faszinierten, so daß man zuweilen das Dirigieren vergessen konnte, um ganz Zuhörender zu werden.

Es wurde kaum unterbrochen. Selten habe ich einen bedeutenden Solisten erlebt, der es so wenig nötig hatte, von seiner persönlichen Auffassung eines Werkes durch Worte und Erklärungen zu überzeugen. Er musizierte, das Orchester fühlte sich akzeptiert und verstand, was er wollte.