Von Rolf Zundel

Das Bild wird im Gedächtnis bleiben: vorne, schräg gegenüber dem Präsidium, in der ersten Reine der SPD-Fraktion ein Mann, der, weiche Debatte auch immer geführt wird, wie dürftig die Beteiligung des Hauses auch sein mag, unverrückbar auf seinem Platz ausharrt – eine Institution, Herbert Wehner. Gleichgültig, wie die Figuren auf der Regierungsbank wechseln, unabhängig vom Kommen und Gehen der Abgeordneten, die zwischen Plenum, Kaffeepause im Parlament, Ausschuß arbeit und Büro hin- und herpendeln – er bleibt.

Beginnt die Debatte, erscheint auch Herbert Wehner. Wo andere schulterklopfend, da einen Händedruck tauschend, dort jemandem zunickend, mit einem neugierigen Blick die Runde musternd, zu ihrem Sitz mäandern, geht er zielstrebig, sehr aufrecht, mit flach gewordenen, gemessenen Schritten, fast immer allein. Die schwarze, abgewetzte Mappe wird sorgfältig unter dem Pult verstaut. Oft bleibt der Platz neben ihm (bei großen Debatten sitzt dort Willy Brandt) leer, von den Abgeordneten wagt es selten einer, so nah an ihn heranzurücken; man hält Abstand.

Wo andere in den engen Klappstühlen auf möglichst bequeme Weise ihre Glieder verstauen, lässig zurückgelehnt oder die Ellbogen auf die Pulte aufgestützt, sitzt er sehr gerade, sehr ordentlich. Fast wäre man versucht zu sagen: wie ein Herr, hätte man nicht noch im Ohr, wie Wehner dieses Wort malträtiert hat Politische Gegner, die von ihm damit tituliert wurden – "Sie, Herr!" – waren nie ganz sicher, ob da ein Sozialist einen Bürgerlichen anprangerte, oder ob blamables Ungenügen vor diesem Wort vorgeführt werden sollte.

Wo andere, zumal Jüngere, sich schon mal leger geben, sogar ohne Krawatte erscheinen, wirkt er stets solide, altmodisch-adrett. Auf keinem Pult ist die Ordnung so peinlich genau. Man muß einmal gesehen haben, wie er mit sorgfältigen, fast liebevollen Handgriffen die Papiere durchmustert, sie studiert, mit einer aus der Jackentasche gefischten Klammer Blätter zusammenheftet, sie ordnet und glattstreicht. Ein Prinzipal, der, wenn er es auch nicht verhindern konnte, daß laxe Sitten im Geschäft eingerissen sind, für sein Teil von den alten Gepflogenheiten nicht abzuweichen bereit ist.

Ein Musterparlamentarier und doch zugleich jener Abgeordnete, der zum Schrecken der Präsidenten geworden ist, die über die Würde des Hauses zu befinden haben. Keiner, der mehr böse Zwischenrufe den Rednern entgegengeschleudert, keiner, der mehr Ordnungsrufe kassiert hat. Keiner, der so wie er – "Wehner spricht!" – das Plenum in ein lärmendes Spektakel zu verwandeln vermocht hätte. Da stand er, wie Demosthenes vor der Brandung, die Wellen des Zorns mit Schaumkronen des Gelächters donnerten hoch, und er brüllte zurück: "Sie feixende Meute!" So ganz von ungefähr kommt es wohl nicht, daß seine letzte Intervention im 9. Bundestag eine wütende Attacke gegen den Präsidenten war, ein Verstoß gegen die Regeln. War das sein Abschied?

Am letzten Sitzungstag, bei der Vertrauensfrage, fehlte Herbert Wehner wegen Krankheit. Die Haushaltswoche, die er als einziger jeden Tag von morgens früh bis spät in die Nacht abgesessen hatte, muß ihn erschöpft haben. Nur Stücklen (CSU), sein Parteifreund Schmidt (Gellersen) und er gehören seit 1949 dem Parlament an. Niemand weiß, ob der 76jährige sich noch einmal von seinem Wahlkreis beraten läßt, für den neuen Bundestag zu kandidieren. Zwar werden schon Namen von Nachfolgern geflüstert; Ulrich Klose ist darunter – ein probates Mittel, um ihn zum Weitermachen zu provozieren, lautet die Vermutung. Aber bisher hat Wehner sich auch nicht erklärt, ihn zu fragen aber traut sich keiner.