Immer schon war der Beginn eines neuen Jahres den Menschen auch Anlaß zu Furcht und Angst, ganz unabhängig davon, wann das Jahr anfing, am Tag der Beschneidung Jesu, am sogenannten Dreikönigstag oder irgendwann im Frühjahr. Das Jahr am 31. Dezember, dem Todestag Papst Silvesters I (355) ausklingen und ein neues Jahr am l. Januar beginnen zu lassen, hat sich erst in der Neuzeit allgemein durchgesetzt (obwohl auch schon die Römer den 1. Januar als Neujahrstag zählten). Immer aber wurde der Jahreswechsel mit viel Ausgelassenheit, mit Lärm und Getöse, mit Schießen und Peitschenknallen begangen, um Hexen und böse Geister und alles Unglück zu verjagen. Also wurde und wird nicht so sehr aus Freude laut gebollert und geknallt, sondern aus Furcht vor einer Ungewissen Zukunft. Ihr aber steht die Hoffnung gegenüber, das neue Jahr möge glücklich werden, glücklicher als das vergangene. Am 1. Januar 1760, als Preußen unter Friedrich dem Großen mitten im Siebenjährigen Krieg stand, schrieb der 32jährige Graf Ernst Ahasverus Heinrich von Lehndorff, Kammerherr am Hofe Königin Elisabeths Christine, der Gemahlin Friedrichs des Großen, in sein Tagebuch: "Ein Jahr voll beständiger Aufregungen liegt hinter mir. Ich verheiratete mich in dem Gedanken, ein ruhigeres Leben führen zu können; allein, obwohl meine Frau den angenehmsten Charakter von der Welt besitzt, so finde ich doch, laß die Gründung eines Hausstandes tausenderlei Sorgen und Scherereien mit sich bringt. Die Ausgaben für Dienerschaft und Haushalt werden größer. Wenn ich dazu noch an all das Unglück denke, das der Krieg mit sich gebracht hat, so kann ich wahrhaftig nicht sagen, daß dieses Jahr für mich ein glückliches gewesen ist "

Vier Jahre später, am 1. Januar 1764 - inzwischen war der Krieg zu Ende , notierte Graf Lehndorff: "Wiederum ein neues Jahr! Das Leben geht dahin, man jagt nach dem Glück, ohne es zu erreichen. Glücklich, wer seine Wünsche einzuschränken versteht und sich schließlich im Frieden zur Ruhe setzen kann! Dieser den Komplimenten und Lügen gewidmete Tag vergeht an den Höfen immer unter großen Aufregungen und Strapazen. Man umarmt sich, sagt sich gegenseitig tausend schöne Wünsche, die nicht von Herzen Kommen, und freut sich erst wieder, wenn endlich der Augenblick da ist, wo man nach Hause zurückkehren kann "

Zu den Feiern anläßlich des neuen Jahres 1764 gehörte in Potsdam auch dies (das so gar nicht zum Bild Friedrich des Großen, des "Philosophen auf dem Königsthron", passen will): "Seine Majestät 1iat am Dreikönigstage eine kleine ausgewählte Gesellschaft bei sich. Man trägt unter anderem eine große Pastete auf, in der ein junges Mädchen steckt, das vom König gedichtete Verse vorträgt " Von Neujahrsempfängen bei Hofe schrieb auch Goethe oft, doch ohne sie im einzelnen zu schildern. Lärmendes hat er - jedenfalls der schon etwas gesetzte Geheime Rat und Präsident der Kammer - nicht gemocht, und seine Tagebücher lassen vermuten, daß er Altjahrsabende am liebsten ruhig daheim verbrachte. So auch die Jahreswende 17991800, die zugleich als Jahrhundertwende begangen wurde (obgleich das neue Jahrhundert ja eigentlich erst 1801 begann). Am 31. Dezember 1799 schrieb der Einundfünf zigjährige dem zehn Jahre jüngeren Schüler:

"Hier schicke ich ein Exemplar der Propyläen mit der Anfrage, ob Sie wohl heute abend mich mit Ihrer Gegenwart erfreuen wollen. Ich bin seit festern nicht recht wohl, und fast befürchte ich, aß der kürzeste Tag noch Lust hat, mir hinterdrein Händel zu machen "

Schiller antwortete: "Ich beklage Ihre Unpäßlichkeit von Herzen und hoffe, Sie werden sie nicht in das neue Jahr mit hinübernehmen. Nach 6 Uhr stelle ich mich ein, zwischen jetzt und dem Abend will ich suchen einen meiner Helden noch unter die Erde zu bringen, denn die Keren des Todes nahen sich ihm schon "

Wahrscheinlich arbeitete Schiller an jenem Silvestertag an Mortimers Todesszene in "Maria Stuart". Am nächsten Morgen, dem 1. Januar 1800, schrieb er an Goethe: "Ich begrüße Sie zum neuen Jahr und neuen Säculum und hoffe zu vernehmen, daß Sie es gesund angetreten haben? Werden Sie in die Oper gehen? So kann ich Sie dort vielleicht sehen, denn ich bin willens mir heute eine Zerstreuung zu machen "

Und Goethe schrieb denselben Morgen an den Hofrat Schiller: "Ich war im stillen herzlich erfreut, gestern abend mit Ihnen das Jahr und, da wir einmal 99ger sind, auch das Jahrhundert zu schließen. Lassen Sie den Anfang wie das Ende sein und das Künftige wie das Vergangene " Gut sieben Jahrzehnte später, am 31. Dezember 1871, notierte Cosima Wagner, seit 16 Monaten die Frau Richard Wagners, m ihr Tagebuch: "Heiliger Sylvester; die Kinder und wir recht heiter . Nachmittags zünden wir den Baum wieder an und tanzen um ihn herum; Richard spielt uns auf. Abends bis Mitternacht aufgeblieben, unser Jahr überblickt und es gut befunden; herzliche Glückwünsche. Zwischen eins und zwei begeben wir uns zur Ruhe "