Von Susanne Mayer

Ein deutsches Problem, klagt Peter Wapnewski, sei der Deutschen Umgang mit ihrer Elite. Die Nation, der oft und mit Recht vorgeworfen wird, sie habe aus der Erfahrung mit den Herrenmenschen nichts gelernt, muß sich gegenteilige Schelte gefallen lassen. Ihre Scheu vor den "Heroen der gelehrten Welt" verhindere die Entwicklung einer Leistungselite. Statt dessen beruhige die Gesellschaft ihr soziales Gewissen durch das "Verlangen nach ‚Bildung für alle‘", meint der Germanistik-Professor Wapnewski.

Hier eine Wende durchzusetzen ist erklärtes Ziel der Christlichen Demokraten. "Förderung auch für Hochbegabte" verlangte Alfred Dregger in diesem Sommer. "Kein Talent darf unentdeckt bleiben!" In einem CDU-regierten Land, so versprach er, würde das sichergestellt. "Talente müssen bis zur Nobelpreisreife gefördert werden."

Wie schwierig das durchzusetzen ist, dokumentierte auf Dreggers Anregung gleich zweimal eine große deutsche Zeitung, die sich für den Dialog mit den klugen Köpfen zuständig hält. Herr Dregger hatte ihr als Gesprächspartner die Eltern eines jungen Talentes vermittelt. Der 17jährige Abiturient mit der Traumnote 1,0 war zwar nicht unentdeckt geblieben, aber ohne Studienplatz in diesem unseren Lande. Aus diesem Grund hätten die Eltern ihn an Amerika "verloren", wo ihn die renommierte Harvard-Universität sogleich als Student im zweiten Studienjahr annahm.

Nicht erst der große Schritt über den Ozean brachte den jungen Thomas aus Hannover ins Rampenlicht. Die Presse entdeckte ihn schon, als er im Grundschulalter auf einem Symposium für Naturwissenschaftler "wie Jesus im Tempel redete" – so erzählt der Vater. Als Wunderkind hatte sich der Sohn im Familienkreis schon gezeigt, als er mit vier Jahren sich selbst das Lesen beibrachte und mit sechs bei Spaziergängen mit seiner Mutter über die Einsteinsche Relativitätstheorie plauderte. Gesprächspartner waren für die dringende Intelligenz des Kindes oft nur schwer zu finden. "Nun lassen sie ihn doch spielen", wehrte die Volkshochschule ab, als der Vater dem Achtjährigen Zugang zu den Veranstaltungen verschaffen wollte. Der Vater mußte erklären: "Wissen Sie, wenn er spielt, dann spielt er Schach und legt uns alle aufs Kreuz." Es war immer ein Problem, erzählt die Mutter, daß alle von Thomas sich aufs Kreuz gelegt fühlten, der doch "weiter nichts wollte ... als zu lernen, zu lernen, und – vielleicht jemanden zu finden, der wußte, was er konnte". Vielleicht nicht nur ein deutsches Problem, daß viele den Umgang mit einem Talent lieber literarisch betreiben und mit Alice Millers Bestseller "Das Trauma des begabten Kindes" dessen Depressionen bedauern,

Thomas ließ sich dadurch nicht bremsen, weder in seiner optimistischen Haltung noch in seiner atemraubenden Entwicklung. Sechs Sprachen lernte er, und Querflöte spielen. Er nahm teil an einer internationalen Chemie-Olympiade. Im elterlichen Keller war ein Chemielabor entstanden. Thomas machte sich an den Ausbau eines Heimcomputers und finanzierte das mit ausgetüftelten Computerprogrammen für die Wirtschaft. Er entwickelte "mX: Ein Konzept zur Implementierung von Betriebssystemen" und siegte damit beim Bundeswettbewerb "Jugend forscht" mit der "schöpferisch besten Arbeit".

Dann aber wurde Thomas von einem Computer unerwartet geschlagen. Der stand in der Universität Tübingen und spuckte ein unpersönliches Formblatt aus: Eine Ablehnung für seine Bewerbung um einen Studienplatz in Biochemie.