Von Walter Forst

Er war Innenminister des ersten nordrheinwestfälischen Regierungschefs Karl Arnold und wurde nach dessen Tod selbst der Chef, aber nach acht Jahren Ministerpräsidentschaft stürzte ihn die zweite sozial-liberale Koalition in Düsseldorf. Als Wahlkampfleiter der Union 1957 einer der Väter des Slogans "Keine Experimente" – was seiner Partei im Bund, ein Jahr später auch im Land die absolute Mehrheit eintrug erhielt er hinterher von Adenauer nicht einmal ein Wort des Dankes dafür. Und das konstruktive Mißtrauensvotum vom Dezember 1966 ging nicht etwa auf die Grundströmung zurück, die gegen die CDU lief, sondern, davon ist er überzeugt, auf den Drang von Wilhelm Lenz, durch eine Große Koaliton mit den Sozialdemokraten selbst Minister zu werden. Das sind Merkdaten in

Franz Meyers: "gez. Dr. Meyer". Summe eines Lebens"; Droste Verlag, Düsseldorf 1982, 609 S., 48,– DM.

Sie sind freilich nicht die Schwerpunkte dieser Memoiren, mit denen Arnolds zweiter Nachfolger sein Bild der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre zeichnet. Den Vorrang hat vielmehr durchgehend der Amtsträger bei Staatsbesuchen und auf Auslandsreisen, der repräsentierende Gesellschaftslöwe im Kreis von Künstlern und Staatsmännern, die dann meist gleich seine Freunde werden, der Rechtsanwalt aus München-Gladbach, der es genießt, es als "Sohn eines berittenen Polizisten" so weit gebracht zu haben. Als rheinische Frohnatur trägt Meyers das alles unbekümmert vor, stilistisch ohne Glanz, aber so ehrlich wie selbstbewußt, meist unsystematisch, partienweise trocken und manchmal mit der Naivität eines Honoratiorenpolitikers.

Nach Arnolds Tod 1958 und zwei Jahren harter Opposition machte ihn die Fraktion zum Regierungschef, weil sie ihn für problemloser, aber auch für populärer hielt als die Mitbewerber Dufhues und Johnen. Tatsächlich wurde Meyers dann der Ministerpräsident der Wohlstands-Spätzeit, der die nahende Kohlekrise mit neuen Universitäten im Ruhrgebiet zu kompensieren suchte. Dem "Gliedstaat" der Föderation von 1949 vermochte er freilich nicht das Landesbewußtsein aufzupfropfen, das ihm fehlen muß, solange man es mit der Erinnerung an fragwürdige dynastische Traditionen beleben will.

Meyers nennt das heute "die Unfähigkeit unseres Landes, sich mit sich selbst zu identifizieren". Damals, als man mit einer großen Ausstellung in Schloß Brühl den 200. Todestag von Clemens August, dem Kölner Erzbischof-Kurfürst aus dem Hause Wittelsbach, beging, stellte er fest, daß doch "weite Teile unseres Landes unter seiner Herrschaft zu einer politischen Einheit zusammengefaßt gewesen" seien. Sein Versuch, ein großes Staatswappen einzuführen und einen Landesorden zu stiften, scheiterte an der Kritik der Freien Demokraten, mit denen er seit 1962 koalierte, um 1966 durch sie gestürzt zu werden.

Trotzdem täte man Franz Meyers unrecht, ihn nur unter diesen Gesichtspunkten zu beurteilen. Schon als Innenminister betrieb er Verwaltungsreform und als Ministerpräsident Umweltschutz, der damals freilich noch nicht so genannt wurde. Er machte mit Paul Mikat, Konrad Grundmann und Gerd Ludwig Lemmer junge Politiker zu Ministem und hielt gegen zentralistische Bonner Tendenzen, auch in seiner eigenen Partei, die Bundesstaatlichkeit hoch; ihr ist in den Memoiren das beste politische Kapitel gewidmet. Manches daran bleibt freilich Theorie, denn 1966 erneuerte der Düsseldorfer Ministerpräsident, obwohl Verlierer der Landtagswahl, die Koalition mit der FDP, um in Bonn die Regierung Erhard zu stützen, die dann doch nur noch ein paar Monate hielt. Von Heinz Kühn, seinem Nachfolger, unterschied sich Meyers vor allem darin, daß er das Spitzenamt in der Exekutive seinem parlamentarischen Mandat stets vorzog. Beide Spielarten der Regierungsführung haben den Verfall der politischen wie der wirtschaftlichen Spitzenposition des Landes allerdings nicht aufhalten können.

Da erscheint es charakteristisch, daß Meyers die Schaffung der staatlichen Kunstsammlung durch den Kauf von 88 Bildern von Paul Klee, der aus Überschüssen des WDR finanziert wurde für eine der bedeutendsten Maßnahmen des Landes seit seiner Gründung hält. Mag sein, daß dies "als eine der weniger meiner politischen Schöpfungen mich überlebt Nur hätte Meyers die Klee-Sammlung zwanzig Jahre später wahrscheinlich nicht so sehr in den Sog der Großstiftung Ludwig geraten lassen wie heute sein zweiter Nachfolger.