Alle III. Programme, Sonnabend, 31. Dezember, 20.05 (HR), 20.15 (NDR, RB, SFB, WDR), 20.30 (BR), 20.50 Uhr (SDR, SWF, SR): "Victor Borges wundersame Nachtmusik"

Er lächelt, sobald er auf der Bühne ist. Er lächelt wie einer, der es dick hinter den Ohren hat oder die Leute glauben machen will, daß es so sei. Selbst wenn er ernst tut, weiß man, daß er lächelt. Oder schmunzelt er? Natürlich führt er dauernd etwas im Schilde: Victor Borge, Däne von Geburt, Amerikaner nach dem Paß, ein Spaßmacher von Beruf und ein Musiker, nicht zu vergessen. Er ist ein sanfter Verschmitzter, ein mit Leidenschaft kalauernder Komiker, manchmal ein Clown im Abendanzug, oder ein Gaukler, weil er seinem Publikum gern etwas vorgaukelt, ein Mann eher für die Bühne als die Manege und für die Kammer besser als für den großen Saal. Zwar ereignet sich seine wundersame Nachtmusik in einem Saal, aber das weiß die Kamera gottlob zu vertuschen. Ob er aber hintergründig ist? Ach, er tut nur, als glaube er von seinem Publikum, es halte ihn für hintergründig, dabei ist er immer ganz vorn: alles gar nicht wahr! Er reißt einen Kalauer nach dem anderen, einer harmloser als der andere, aber dermaßen virtuos, daß man ihm zusieht und zuhört, als explodierten dauernd Pointen, eine nach der anderen. Krachend.

Diesmal veranstaltet er einen Opernabend; er beginnt, wie er sagt, mit dessen zweitem Teil, damit der erste eine Überraschung bleibe. Er liebe, so, bekennt er, Giuseppe Verdi und übersetzt ihn "für Leute, die Englisch sprechen: Joe Green". Schon landet er einen seiner gezwirbelten Schlüsse: "Wie wunderbar", habe Verdi gesagt, "könnte Oper sein, wenn es nur keine Sänger gäbe." Also, denkt er daran laut weiter, sollten wir dankbar sein "für die großen Stimmen; denn ohne sie gäbe es keine großen Sänger, und ohne große Sänger hätten wir die großen herrlichen Arien, die er (Verdi) geschrieben hat, nie gehört". Und schon stellt er, pathetisch wie ein Zirkusdirektor, "einen der größten" dieser großen Sänger vor: Damit ist die "Nachtmusik" schon in vollem Gang.

Es folgen absurde Dialoge, Witzeleien, Verdrehungen, komische Szenen, Späße und Späßcnen in Wort, Musik und Spiel. Eben dies sollte nicht unbemerkt bleiben: daß es Victor Borge so selbstverständlich gelingt, auch seine teuren Gäste ("direkt von Bayreuth") dazu zu bringen, das Spiel mitzuspielen und es auch zu können – den Tenor Luigi Alba, den Bariton Mikael Melby, die Sopranistin Deborah Sasson. Viel mehr: daß sie, wenn sie singen, ganz bei der Sache sind und der Musik ihre Triumphe gönnen.

Es gibt viele hübsche Szenen, die einen lachen machen – wenn der Dirigent Herbert Prikopa, der auch ein Tenor und ein Zauberer sowie ein Schauspieler ist, mit dem dirigierenden Borge ein parodistisches Intermezzo über das Thema "Pause im Theater" gibt; wenn Borge mit Melby aus dem hannoverschen Telephonbuch (Seite 613, Buchstabe M wie Meier mit i in F-dur) singt; wenn Borge mit dem Pianisten Paul Badura-Skoda an zwei Klavieren konzertiert, Rücken an Rücken sowie über die Kreuz und die Quer; wenn die drei Sänger mit Borge, dem Erfinder der "phonetischen Interpunktion", Punkte, Kommas und Fragezeichen singt.

Wie freundlich, daß auch die (Bild-)Regie Witz hat. Der Fagottist? Ein Bild von einem Fagottisten! Die Harfenistin? Diese Hände! Der Tenor? Welche Fermatenlust! Die Kameras: den Klavieren auf den Fersen.

Nachsatz: Dieser quicklebendige alte Schelm von 74 Jahren kann, was er tut. Er hat das Klavierspiel studiert, er war Konzertpianist, er hat frühzeitig bemerkt, daß seine Begabung, sagen wir, die Komödianterie ist. Selbst beim einzigen Ton eines Beispiels trifft er treffsicher daneben.

Manfred Sack