Von Horst Bieber

Willy Brandt, Präsident der Internationalen Nord-Süd-Kommission, drückte sich in der vorigen Woche sehr zurückhaltend aus: Es werde „noch unzureichend begriffen“, was auf dem Spiel stehe, sollte sich die weltweite Wirtschaftskrise fortsetzen oder gar in eine allgemeine Finanzkrise einmünden – nach der „Bankrott“-Erklärung einiger hochverschuldeter Staaten und nachfolgenden Banken-Zusammenbrüchen. Selbst diese Gefahr für den westlichen Wohlstand vermag offenbar nicht aufzurütteln, noch viel weniger das Schicksal jener 147 Staaten, auf die mehr oder weniger die Bezeichnung „Entwicklungsland“ zutrifft und die 1982 eine fast rasante Fahrt in den Abgrund erleben mußten: ohne Hoffnung, daß sich ihre Lage 1983 oder 1984 grundlegend bessern wird.

Ihre Probleme sind kein politisches Thema mehr, und dieser Verlust an öffentlichem Interesse nach einer Dekade steigenden Engagements schlägt besonders schwer zu Buche. Daß 420 bis 450 Millionen Menschen hungern, daß diese Zahl bis zum Jahr 2000 auf 650 Millionen steigen kann; daß 1,4 Milliarden Menschen unzureichend ernährt sind und im Jahre 1982 täglich 40 000 Kinder an Unterernährung und vermeidbaren Infektionskrankheiten gestorben sind, erschüttert nicht mehr. Mit einem Prozent der jährlichen Rüstungsausgaben – einschließlich der von der Dritten Welt aufgewendeten Summen – hatte man diese Kinder retten können – auch dies eine Zahl, die mit Neugier, aber ohne Betroffenheit zur Kenntnis genommen wurde. Das Klima hat sich geändert und wird, so sagte es ein afrikanischer Finanzminister bitter, wieder von dem „Rette sich, wer kann“ bestimmt.

Ein Jahrzehnt lang haben die Entwicklungsländer statistisch – was wenig über Einzelfälle wie Tschad oder Haiti aussagt – vergleichsweise große Fortschritte gemacht und hohe Wachstumsraten erzielt. Im Gegensatz zu den in der Diskussion immer noch herumgeisternden „goldenen Betten“ wurden die meisten Hilfsgelder vernünftig investiert, in der Landwirtschaft, im Ausbildung- und Gesundheitsbereich, in der Industrie. Nicht alle Investitionen zahlten sich aus, und ob zum Beispiel Ägypten mit den heutigen Erkenntnissen noch einmal einen Assuan-Staudamm bauen würde (oder Brasilien das Riesenwasserkraftwerk Itaipu), ist zweifelhaft: Geber wie Empfänger haben Lehrgeld zahlen müssen. Doch bis zum zweiten Ölpreisschock 1979 galt weithin die Devise „Land in Sicht“.

Dann freilich kam es knüppeldick: höhere Ölpreise, steigende Zinsen, niedrige Rohstoffpreise, Krisen in den Industriestaaten mit der Folge, daß weniger in der Dritten Welt gekauft und Handelsschranken gegen deren Fertigprodukte errichtet wurden. Ein auf Wachstum und zunehmenden Welthandel gebautes System erhielt einen schweren Stoß. Lateinamerika erlebte 1982 das schlimmste Wirtschaftsjahr seit der Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre.

Eine der Folgen ist Ratlosigkeit, die im Moment mit rastloser Geschäftigkeit überdeckt wird: Das Thema der Stunde heißt „Schulden-Management“. Auf etwa 626 Milliarden Dollar sind die Verbindlichkeiten des Südens gegenüber den Industriestaaten angewachsen; davon entfallen 520 Milliarden Dollar auf Länder, die kein Erdöl fördern. In diesem Jahr haben Mexiko- (15 Milliarden Dollar) und Brasilien (87 Milliarden Dollar) die internationale Bankenwelt alarmiert; Argentinien (38 Milliarden) und Südkorea (39 Milliarden) sind die nächsten Kandidaten, denen aus der drohenden Zahlungs-Unfahigkeit geholfen werden müßte.

Unter den Fachleuten herrscht Streit darüber, ob es sich um eine (langfristige) Insolvenz- oder eine (kurzfristige) Liquiditäts-Krise handelt. In der Therapie gibt es dagegen Einigkeit: Keine Panikreaktion der privaten wie öffentlichen Geldgeber und mehr Kredite, um die Schulden dieser Staaten zu konsolidieren – 1982 hat schon den etwas zweifelhaften Titel „Jahr der Umschuldungen“ weg. Doch Freude empfindet niemand ob dieser internationalen Solidarität: Schon 1982 stieg die Neuverschuldung um 75 Milliarden Dollar an, und mit jedem neuen Kredit erhöht sich die Belastung durch Zinsen und Tilgung: allein 1982 gut 131 Milliarden Dollar, die erst einmal verdient sein wollen. Die Rettung aus der gegenwärtigen Krise legt den Keim zu Kommenden Nöten und beschneidet den innenpolitischen Spielraum vor allem der Entwicklungsländer.