Von Michael Jungblut

Noch nie seit Gründung der Bundesrepublik hat das neue Jahr so schlecht begonnen wie diesmal: Rund 2,2 Millionen Männer, Frauen und Jugendliche sind als arbeitslos gemeldet. Schlimmer noch: Niemand hat die Hoffnung, daß damit der Höhepunkt der Beschäftigungskrise schon erreicht sein könnte. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Hiobsbotschaften – Umsatzeinbußen, Verluste, Entlassungen, Pleiten selbst bei Firmen mit einst klangvollen Namen. In den nächsten Wochen wird zudem der Winter seinen Tribut fordern. Kaum ein Experte zweifelt noch daran, daß Josef Stingl, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, wenige Tage vor der Bundestagswahl am 6. März vor den Fernsehkameras einen neuen, traurigen Rekord verkünden muß: 2,5 Millionen Arbeitslose.

Aber auch dies wird möglicherweise noch nicht die letzte Schreckensbotschaft im Jahre 1983 sein. Obwohl in den Sommermonaten die Zahl der Arbeitslosen wie immer abnehmen wird, prophezeien uns die meisten Wirtschaftsforscher, daß der Winter 1983/84 noch schlimmer werden könnte.

Das Vertrauen in die Treffsicherheit der von den Wirtschaftsforschungsinstituten oder dem Sachverständigenrat erarbeiteten Prognosen ist allerdings in den letzten Jahren nicht gerade gefestigt worden. Wer vergleicht, wie weit Prognose und Wirklichkeit 1982 oft auseinander lagen (Tabelle rechts), wird auch den Vorhersagen für 1983 nicht blind vertrauen wollen.

Für das vergangene Jahr kann leider nur festgestellt werden, daß die größten Pessimisten die Entwicklung noch am besten eingeschätzt haben. Das oft als "Kassandra von Kiel" bespöttelte Weltwirtschaftsinstitut im Norden lag mit seinen Vorhersagen näher bei der Wirklichkeit als seine wissenschaftlichen Konkurrenten. Beim Wirtschaftswachstum und bei den Investitionen haben die Kieler als einzige mit ihrer Vorhersage genau ins Schwarze getroffen. Auch ihre Prognose der durchschnittlichen Arbeitslosigkeit lag (zusammen mit Platow) am dichtesten an den tatsächlichen Ergebnissen. Aber hier hat die Realität auch die größten Skeptiker noch überholt.

Auch diesmal sehen die Kieler die Zukunft am düstersten: "Für die Wirtschaft insgesamt ist ein Produktionsanstieg im Durchschnitt des Jahres nicht erreichbar. Ein gleich hohes reales Sozialprodukt wie 1982 ist, berücksichtigt man den schlechten Start ins Jahr 1983, schon eine eher optimistische Prognose. Bei einer solchen Produktionsentwicklung ist für das ganze Jahr 1983 mit einer Verschlechterung der Arbeitsmarktlage zu rechnen. Die Arbeitslosenzahl wird im Jahresdurchschnitt bei etwa 2,4 Millionen liegen. Die Spitze der Arbeitslosigkeit in dieser Rezession dürfte erst Anfang 1984 erreicht werden, und zwar mit dann fast drei Millionen.

Schöne Aussichten beim Blick auf das neue Jahr. Doch ob die nächsten zwölf Monate und vor allem die nächsten Jahre wirklich so trübsinnig werden, wie heute die meisten Wirtschaftsforscher annehmen, hängt glücklicherweise nicht von ihnen ab. Sie können nur berechnen, was geschehen wird, wenn alles im alten Trott weiterläuft. Kurzfristig sind ihre Prognosen dabei noch am zuverlässigsten, da eine Volkswirtschaft ähnlich wie ein Supertanker den Kurs nicht abrupt ändern kann. Wie sich unsere Lage auf längere Sicht Wirklich entwickelt, hängt davon ab, wie sich die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften, die Unternehmer, Politiker und Verbraucher tatsächlich verhalten.