Von Gerhard Seehase

Wir haben uns fast unmerklich daran gewohnt, das "Fairplay" aus dem Sprachschatz des Hochleistungssports zu streichen und dafür den Begriff "Cleverneß" zu setzen. Auch auf den Zuschauerrängen hat man eindeutig auf den Erfolg gesetzt. Die Aktiven, die auf dem Altar des Big Business zu opfern haben, bekommen immer größere Schwierigkeiten, im partnerschaftlichen Wettstreit fair zu bleiben.

Zum Beispiel im Fußball, der eher die Cleveren als die Fairen honoriert.

Im Bundesligaspiel des 1. FC Köln gegen den HSV ließ sich der Kölner Nationalspieler Pierre Littbarski im gegnerischen Strafraum elfmeterreif fallen, ohne von seinem Gegenspieler Rolff überhaupt berührt worden zu sein. Sein Wehklagen, gerichtet ans eigene Publikum, sollte den Schiedsrichter beeindrucken – zum Nachteil des sportlichen Rivalen. Der Strafstoß gegen den HSV als Zielvorstellung.

Pierre Littbarski handelte in diesem Augenblick zweifellos unfair. Er wollte sich einen Vorteil verschaffen und nahm in Kauf, daß sein Gegenspieler nun die Rolle des Bösewichts zu übernehmen hatte. Der Schiedsrichter fiel glücklicherweise auf diesen Trick nicht herein; aber auf den Ringen pfiff man ihn aus.

In den Diskussionen danach war von Fairneß überhaupt nicht die Rede. Es wurde vielmehr von jener Cleverneß geredet, die einem arg gebeutelten Stürmer zustehe, um sich zu wehren. Pierre Littbarski hatte dabei nicht nur seinen eigenen Trainer, Rinus Michels, sondern auch die anderer Klubs auf seiner Seite. Das Fairplay stand im Abseits.

Von allen bitteren Erfahrungen, die der Betrachter des modernen Hochleistungssports macht, ist diese am erschreckendsten: Der Sportler selbst verliert in zunehmendem Maße das Gefühl für Fairplay.