Monster sind oft gemütliche Leute – Familiengeschichten im Deutschen Fernsehen

Von Helmut Schödel

Am Tag, als er Kanzler wurde, kam er nicht allein in den Bundestag. Die An Kohl begann mit einer Familienszene. Im Deutschen Fernsehen sah man aus einem schwarzen Dienstwagen eine deutsche Kleinfamilie steigen: Papa Kohl, Mama Kohl und beide Söhne. Eine Mutter hatte die Nation schon vorher: Inge Meysel. Nun hat sie einen Vater als Kanzler.

Sein Vorgänger verstand sich noch als leitender Angestellter der Republik. Der Nachfolger begann sein Amt mit einer Verklärung. Seit Kohl ist unser Land ein Vater-Land. Es ist, als sei Schillers Glaubensbekenntnis zur politischen Maxime geworden: Bruder – selbst im Bundestag muß ein lieber Vater wohnen! Was jetzt kommt, ist Familiengeschichte.

Am 22. Oktober, als der Vater endlich Kanzler war, sprach er in seiner Regierungserklärung auch über sein Lieblingsthema: „In der Familie lernen die Menschen Tugenden und Verhaltensweisen, die unserer Gesellschaft ein menschliches Gesicht geben.“ Zwei Minuten später sagte er: „Nicht nur die Kleinfamilie, sondern auch die Gemeinschaft der Generationen in der Familie gibt einer Gesellschaft ein menschliches Gesicht. Mit klaren Erfolgsmeldungen war seine alte Familienpolitik nicht zu schmücken. Sonst hätte Kohl sagen können: Die Familie hat unsere Gesellschaft menschlich gemacht. Schon damals, als er mit Frau und Kindern zum Mißtrauensvotum gegen Helmut Schmidt anreiste, lag ihm deutlich mehr als an der Sache an der Geste und ihrer Wirkung: Das Familienbild sollte uns das harmonische Weltbild retten.

Auch Inge Meysel, als sie in den siebziger Jahren Mutter Scholz spielte, beharrte unter ihrem Schleifenhütchen mit bebender Stimme auf ihrem Willen zur Harmonie. Vater Scholz hatte gerade falsch spekuliert und das ganze Geld verpraßt; die Fußballkarriere ihres Sohnes war beim Teufel; die große Tochter hatte ein Kind, aber keinen Vater mehr dazu; Großmutter wurde immer schwerhöriger und aufsässiger. Inge Meysel aber sah nichts als ihre liebe Familie. Im Titel der Serie wurden die Scholzens „Die Unverbesserlichen“ genannt.

Ein Herz und keine Seele