Erecht innig spielt das routinierte Bläser Trio, bekannt als "BiermöslBlosn", die Weise "Es ist ein Ros entsprungen". Herein jagt ein Gehetzter in Lodenkotze, Hut und Schal: "Bin ich hier richtig bei der Weihnachtsfeier von der MBB?" Na endlich. Schnell wird ein flüchtig dekorierter Adventskranz von der Decke herabgespult, und ebenso hastig und nachlässig beginnt der gemietete Schauspieler mit der Lesung von Ludwig Thomas Weihnachtslegende: Jetzt, Leutein, jetzt loosts amal zua! Mein Gsangl ist wohl a weng alt " Zwischen zwei Zeilen ein Schluck Kaffee, und schon winkt der Geschäftsführer mit dem Scheckheft. Quittung, Scheckkarte - Joseph kratzt sich gerade am Ohr - jawoll, in Ordnung. Genug geweihnachtet mit dem Thoma Ludwig, Hut und Cape wieder her, Abgang: "Ja, dann pfüat Eahna bis zum nächsten Jahr. Ich muß jetzt gschwind zur AEG!"

Eine frische Nummer im Repertoire des bayrischen Brettl Künstlers und Kabarettisten Gerhard Polt. Noch am Vortag, zu Hause in Schliersee, wo er mit seiner Frau Christine und dem dreijährigen Sohn sozusagen am Busen des bayerischen Volkes lebt, hatte er dieses Gsangl in seinem Kopf bewegt, mit seinem Sprachgefühl jongliert, an der knappen Form der Darstellung geknobelt und als echter Profi die empörende Wirkung auch am Besucher getestet: Mit der Heiligen Nacht unterm Arm rasen die von einer Feier zur nächsten; unten wartet immer schon das Taxi. Dabei ist das ein wunderschöner Text von Tboina, sprachlich einmalig!" Auch Christine findet, daß sich bajuwarische Disney Folklore da wirklich selbst übertrifft.

Die meisten der Peitschen KabarettStücke nd Te_xte beruhen auf wahren" Geschichten, die sich so oder ähnlich zugetragen haben. Authentizität und Glaubwürdigkeit sind ihm oberstes Gebot, verhindern sie doch, daß sein Publikum als "Schmarrn" abtut, was er demaskieren will.

So ist er denn ein leidenschaftlicher Sammler von Begebenheiten, ständig auf der Jagd nach den abgründigen Banalitäten des Alltags. Polt, das Ohr: Er kennt sie alle, seine Nachbarn in Schliersee und Josephst?!, ob sie nun aus Berlin oder dem Ruhrgebiet zugezogen sind oder aus den alteingesessenen Familien stammen; ob sie Handwerker sind, Pendler oder was Studiertes. Mit seinen 1 90 Meter wirkt er wie die Inkarnation des Rocher vieles bricht, das anderen alltäglich dünkt.

Was er dem Gefundenen noch an Überhöhung, an Polemik, an bizarrer Übertreibung und Hinterfotzigkeit hinzufügt, möchte er allerdings auf keinen Fall als Kunst etikettiert wissen. Zur Abwehr bemüht er ausführlich den Tischler, der einen guten Schrank baut. Nichts anderes ist seine Absicht: gutes Handwerk. Dabei ist er für seine Satiren, Monologe und Sketche mittlerweile mehrfach öffentlich ausgezeichnet worden: 1980 mit dem Grimme Preis in Bronze für seine Fernseh Miszellen "Fast wia im richtigen Leben" nd int vergangenen Jahr mit dem Deutschen Kleinkunstpreis.

Und wie kam das? Wo er doch zunächst ganz unauffällig vor vierzig Jahren in München geboren wurde - und es ihn dann auch noch in den frommen Pilgerort Altötting verschlug? Auch sein Studium (Politikwissenschaften) brachte noch keinen Hinweis auf den späteren "bayrischen Sosias" (Süddeutsche Zeitung) "Aus Zufall kam es, wie fast immer im Leben", lacht Polt, und dabei klappert er so entschlossen mit dem Zinndeekel seines Bierkrugs, daß er kaum wirkt wie einer, der auf die Zufälle geduldig wartet. Wenn er lacht, ist sowieso meist Vorsicht geboten - eindeutig ist es selten, meist laut und prägnant wie ein Ausrufezeichen, Distanz schärfend und schön hintergründig.

In der Münchener "Kleinen Freiheit"