Von Andreas Kohlschütter

Amman, Ende Dezember

Über den vielen Hügeln und Wadis, auf denen sich Amman ausbreitet, staut sich nahöstliche Spannung. Wie eine unsichtbare Dunstglocke hängt sie in der kalt-klaren Winterluft. Sie beherrscht die Cocktail-Gespräche von Diplomaten und einheimischen Geschäftemachern. Sie dringt einem aus engen Bazar-Gassen und aus erbärmlichen Hütten am Rande palästinensischer Flüchtlingslager entgegen. Sie durchstößt die beigen Steinklotzmauern opulenter Villen und bestimmt dort die Dinner-Konversation zwischen arrivierten Jordaniern und neureichen Palästinensern. "Nur Gott weiß, was für ein chemisches Gemisch sich in diesem Lande zusammenbraut", meint der sonst eher zuversichtliche Landwirtschaftsminister, Marwan Dudin, in einem Anflug düsterer Vorahnung.

Gerüchte machen die Runde und werden gierig aufgesogen. König Hussein habe erklärt, so wollen manche wissen, ihm bleibe keine andere Wahl als "das Exil oder die Fahrt auf der amerikanischen Schiene". Also das volle Engagement für Präsident Reagans Nahost-Plan vom 1. September, der auf der von den Israelis besetzten Westbank und im Gaza-Streifen palästinensische "Selbstregierung im Verbund mit Jordanien" postuliert. Der Haschemiten-Monarch soll, wie aus "eingeweihtem Munde" zu hören ist, seinen Kindern aus erster Ehe geraten haben, kein Land mehr in Jordanien zu kaufen und sich lieber in Kalifornien umzusehen. Das tun anscheinend bereits in vermehrtem Maße auch die großen Immobilien-Spekulanten. Bisher begehrte Amman-Parzellen sind plötzlich unverkäuflich, Privatgelder werden unter die Matratze gesteckt oder bloß noch auf sofort greifbaren Konten angelegt.

Ein Mitglied des jordanischen Kabinetts gibt zu Protokoll: "Rundherum herrscht Bedrücktheit und Verunsicherung darüber, wie diese Gegend in ein paar Monaten aussehen wird." Westlichen Beobachtern ist aufgefallen, daß die Sicherheitsmaßnahmen im Königreich ganz wesentlich verschärft wurden. Und zwar seit am 9. Oktober, als König Hussein und PLO-Chef Arafat ihren historischen Dialog über die Ausarbeitung einer gemeinsamen diplomatischen Strategie zur Lösung des Palästinenser-Problems aufnahmen. Dabei berufen sich die beiden zwar lautstark auf die Beschlüsse der jüngsten arabischen Gipfelkonferenz von Fez. Aber sie orientieren sich ganz offensichtlich an den vom US-Präsidenten ausgelegten Kriterien einer nahöstlichen Friedensordnung.

Solche "Amerika-Bücklinge" betrachten radikale Kreise – die zugleich das Palästinenser-Massaker durch Husseins Beduinen-Legionäre während des "Schwarzen September" von 1970 nicht vergessen und vergeben – als "Verrat" und "feige Kapitulation". Das innere Sicherheitsrisiko wächst. Die letzten diskret verschwiegenen Bombenanschläge in Ibrid, der zweitgrößten Stadt des Landes (einer galt dem Bürgermeister, der andere dem Präsidenten der Jarmuk-Universität und Bruder von Premierminister Mudar Badran) scheinen auf das Konto Syriens und syrienhöriger PLO-Extremisten zu gehen. Sie verfehlten ihre Ziele, richteten jedoch psychologischen Schaden an.

Mit der Ruhe und Gelassenheit, die Jordanien im vergangenen Jahrzehnt kennzeichneten, ist es jedenfalls vorbei. Freunde des 47jährigen Königs Hussein, seit 1953 in Amt und Würden und heute mit großem Abstand Senior unter den arabischen Staatschefs, erklären sich besorgt über des Monarchen sprunghaftes "Altern". Er überlebte Mordintrigen, Kriege, Coups und pan-arabisches Kesseltreiben. Er meisterte Nassers Umsturzversuche in den fünfziger und sechziger Jahren. Er wurde 1970/71 mit einer syrischen Invasion und dem blutigen Palästinenser-Aufstand in Amman fertig. Doch so in der politischen Existenzklemme wie heute saß der "kleine König" wohl noch nie.