Von Cordt Schnibben

Hamburg

Diplomaten sagt man nach, sie seien gewöhnlich diplomatisch. Schimpft man aber den Diplomaten und Generalkonsul von Bolivien, er habe sich undiplomatisch verhalten, so ist dies durchaus als Kompliment zu verstehen.

Juan Emilio Sanchez, Konsul, Konsul im Widerstand, Konsul im Wartestand und demnächst wieder Generalkonsul in Hamburg, hat eine ungewöhnliche Karriere hinter sich.

Als am 17. Juli 1980 die bolivianische Regierung gestürzt wird, die ihn als Generalkonsul nach Hamburg geschickt hat, hält dieser in der Ferne die Fahne der alten Präsidentin Lidia Geiler weiter hoch und sagt den putschenden Offizieren den Kampf an. Er setzt die bolivianische Nationalflagge vor der Konsulatsetage in der Heilwigstraße 125 auf halbmast und teilt der Militärjunta mit: "Ich werde mein Amt dazu gebrauchen, diese Regierung, die durch Gewalt eingesetzt worden ist, zu verurteilen und nicht anzuerkennen." Juan Emilio Sanchez hält Wort: Er macht aus dem Konsulat ein Widerstandsnest.

Was heißt "Widerstand", ein paar tausend Kilometer von zu Haus entfernt? Jetzt, nachdem der Spuk seit mehr als zwei Monaten vorbei ist, kann Sanchez sprechen, ohne irgend jemanden zu ge-Sanchez Seine Geheimwaffe im Kampf gegen das Regime in der Heimat war der Fernschreiber. Über ihn tickerten Junta-Gegner, die im bolivianischen Fernmeldewesen arbeiten, die Namen von Verhafteten und Verschwundenen unbemerkt nach Hamburg. Der grauhaarige Sanchez, den die Militärs mittlerweile als Konsul abgesetzt hatten, zeigt auf die beiden Uhren über seinem Fernschreiber. Links ist es 13.20 Uhr – bolivianische Zeit. Die Zeiger rechts daneben stehen auf 18.20 Uhr – deutsche Zeit. Wenn die Militärs um Mitternacht in La Paz einen Oppositionellen verschleppten, die Nachricht per Telex zu Sanchez nach Hamburg geschmuggelt wurde, er die Namen an die Zentrale von amnesty international in London kabelte, die sofort ein Fernschreiben Richtung Bolivien auf den Weg schickte, lag der Protest beim Innen- und Justizminister zusammen mit der Morgenzeitung auf dem Schreibtisch.

Schon zwei Wochen nach dem Putsch im Juli 1980 sprach amnesty international von 1500 Toten und mindestens genausovielen Verhafteten und Verschwundenen. In Krankenwagen durchkämmten Mordkommissionen – Geheimdienstler, Faschisten, Drogengangster – die Straßen nach verdächtigen Politikern, Gewerkschaftern und Priestern. Eine Koalition aus Militär und Kokain-Mafia terrorisierte Bolivien.