Die Schreckensbilder sind noch frisch: Kindermünder, in denen sich verrottete Milchgebisse verbergen. Schuld an der Katastrophe im Kindermund haben, wie entsetzte Eltern zunächst vermuteten und Gießener Zahnkundler kürzlich bestätigten, Nuckelflaschen aus Kunststoff, gefüllt mit stark zuckerhaltigen Fertigtees.

Die Getränke aus dem industriell gefertigten Granulat sind erst seit fünf oder sechs Jahren auf dem Markt. Sie bewährten sich weniger als Durstlöscher denn als Beruhigungsmittel beim Zubett-Sehen. Kleinkinder, an die allabendliche Nuckelflasche gewöhnt, saugten sich so die Zähne kaputt: Der süße Sud verhindert, daß die Spülwirkung des Speichels die Zähne schützt. Im Alter von drei oder vier Jahren zeigen die Kleinen dann keine perlweißen Zähnchen, sondern verfaulte Gebisse – Karies.

Zwar nahmen die Hersteller inzwischen den Zucker aus ihren Fertigtees und bieten sie auch nicht mehr offen als "Beruhigungsmittel" an. Aber nun überbringt eine Arbeitsgruppe um Professor Eckard Wetzel vom Funktionsbereich Kinderzahnheilkunde der Universität Gießen eine neue Hiobsbotschaft: Bei den betroffenen Kindern kommt es als Folge der Zahnzerstörung zu Vereiterungen und Pilzbefall im Kieferknochen. "Eine Entwicklung", kommentiert Wetzel, der mit seiner Gruppe entscheidend zur Entzuckerung der Kindertees beitrug, "die von uns in dieser Form nicht erwartet wurde".

Der Milchzahn-Tragödie zweiter Teil wird offenkundig, seitdem die Zahnärzte bei den betroffenen Kindern zunehmend weitergehende Komplikationen diagnostizieren müssen, viel mehr kleine Patienten kommen jetzt in die zahnärztliche Sprechstunde, die sich allgemein schlecht fühlen und nicht selten sogar an halbseitigen Gesichtsschwellungen leiden, die auch die Augen in Mitleidenschaft ziehen. "Die Kinder sind übernächtigt, schmerzgepeinigt", klagt Wetzel. "Man kann es sich kaum vorstellen, wie es in diesen Gesichtern und Mündern aussieht."

Untersuchungen ergaben, daß die Krankheitssymptome durch Pilzbefall und bakterielle Ablagerungen auf den Zähnen ausgelöst werden. "Wir konnten dabei immer belegen, daß die betroffenen Zähne abgestorben waren und eine Infektion via Wurzelkanal erfolgte", erklärt der Gießener Spezialist. Besonders schlimm betroffenen Kindern fließt ständig Eiter aus dem Kiefer.

Eitrige Sekrete, die sich im Kieferknochen bilden und in die Mundhöhle entleeren, sollen einer seit Jahrzehnten gängigen Lehrmeinung zufolge steril sein. Die Gießener Gruppe fand freilich bei neun von zehn untersuchten Kindern, daß die eitrigen Absonderungen massenhaft mit Streptokocken – krankheitserregenden Kellerbakterien – durchsetzt waren. Mehr noch: Jeder der kleinen Patienten wies zudem eine Infektion mit Sproßpilzen der Gattung Candida auf. Bei vergleichenden Analysen konnten die Eitererreger im Speichel nicht nachgewiesen werden. Die Mikroorganismen finden vielmehr in den abgestorbenen Zähnen der Zuckertee-Opfer ideale Bedingungen für ihre Vermehrung: Bakterien und Pilze sind dort vor der Wirkung von Antibiotika einigermaßen geschützt.

Die Gefahr für Milchgebisse ist mit dem Zuckerentzug in Fertigtees keineswegs vorbei. Denn die Instant-Granulate enthalten noch immer kariesfördernde Substanzen, zum Teil sogar in höheren Dosen. Besonders bedroht sind die ersten Zähne, wenn die Tees über das erste Lebensjahr hinaus per Nuckelflasche in Kindermörder rinnen.