Von Aernout van Lyndon

In fast jedem anderen Krieg wäre der Nachtangriff zu einem schlimmen Fiasko geraten. Die 37 frommen Rebellen waren kaum in die Stadt eingedrungen, da erhellte ein Feuerwerk Die Mudschaheddin den nächtlichen Himmel. Die Mudschaheddin waren von Militärposten entdeckt sicheren Die Soldaten verschanzten sich in ihren sicheren Stellungen und deckten die Eindringlinge mit weitgestreuten aber nicht sonderlich genau geziehen Maschinengewehrsalven ein. Deshalb konnten sich die "Gotteskrieger" fast ungehindert zu ihrem Ziel durchschlagen: dem Nachschublager der Armee in Karte Nau, einem neuen Stadtbezirk Kabuls.

Fast hätte es doch noch eine Panne gegeben, weil sie ihre Streichhölzer nicht gleich zur Hand hatten. Aber dann ging das Depot mit seiner Tankstelle und 42 Lastwagen planmäßig in Flammen auf. Turmhoch standen die Feuersäulen und tauchten ganz Ost-Kabul in gespenstisches Licht. Und mitten im MG-Feuer zelebrierten die Mudschaheddin ihren Dankgottesdienst: Lobpreisung für Allah, den Unbezwinglichen, in dessen Namen und Auftrag sie triumphiert hatten: ,,Allah-U-Akbar! Islam Zmdabad!" – unter dem Vollmond eine Art Karneval, in dem sich die nervenzerfetzende Anspannung entlud.

Der Krieg in Afghanistan, das illustriert der Nachtangriff der Mudschaheddin, ist anders als die kriegerischen Konflikte, deren Zeuge die Welt bisher geworden ist. Der Widerstand gegen die sowjetischen Streitkräfte und das Karmal-Regime ist auch nach drei Jahren noch nicht gebrochen. Die Angriffe der Freischärler – oft nur wenige hundert Meter vom Zentrum der weit ausladenden Hauptstade entfernt – mögen gelegentlich chaotisch anmuten, aber sie gehören inzwischen zum afghanischen Alltag.

Das war noch nicht so, als ich mich vor 16 Monaten in der Umgebung Kabuls aufgehalten hatte. Damals hatten sich die Mudschaheddin auf Hitand-run-Attacken beschränkt: Sie tauchten blitzschnell auf, beschossen Militärposten um Kabul und tauchten ebenso rasch wieder unter. Daß die Guerilleros heute tief in die Hauptstadt, die bisher unter unangefochtener Kontrolle der Sowjets stand, eindringen können, beweist: Den Sowjets ist es nicht gelungen, ihre Herrschaft über das Land zu festigen.

Der Krieg ist zwar mörderischer geworden, aber die sowjetische Macht bleibt beschränkt. Wie begrenzt sie ist, merkt schon bald, wer heimlich die pakistanisch-afghanische Grenze überschreitet und über Paktia und Lowgar in die Provinz Kabul reist: Hier wird kaum spürbar, daß Afghanistan besetzt ist. Die Stämme in den Tälern sind bei der alten Selbstverwaltung geblieben. Und 100 000 bewaffnete Freischärler sind zur Zeit an dem Aufstand gegen Kabul beteiligt.