Von Ernst Hess

Welche Auswirkungen ein Taifun im Ochotskischen Meer auf das südliche Elsaß haben kann, wird spätestens am 12. Februar 1983 sichtbar werden. Dann nämlich, wenn zum erstenmal in der 16jährigen Geschichte des alpinen Weltcup die besten Slalomartisten in den Vogesen an den Start gehen. Ursprünglich sollte der Ski-Zirkus am gleichen Tag im fernen Rußland Premiere feiern, hätte nicht ein Wirbelsturm die Insel Sachalin verwüstet und unter den Trümmern der Hotels und Liftanlagen auch alle sowjetischen Hoffnungen begraben. So erhielt plötzlich die Straßenkreuzung Le Markstein den Zuschlag, ein bislang blütenweißer Fleck auf der internationalen Ski-Karte.

Das hört sich fast wie eine gut erfundene PR-Geschichte an, hat aber durchaus plausible Gründe. In Fellering, einem winzigen Weiler unterhalb der Route des Crêtes, residieren nämlich die Herren Serge und Patrick Lang, denen der Ruf nachgeht, aus Schnee Gold machen zu können. Die beiden Alchimisten regieren das Millionengeschäft Weltcup mehr oder weniger unangefochten, machen aus verschlafenen Alpendörfern pulsierende Skistationen und halten nebenbei die Karawane der Rennläufer, Funktionäre und Journalisten auf Trab. "Nehmen Sie zum Beispiel Meiringen-Hasliberg in der Schweiz", rechnet Vater Serge (62) bescheiden vor: "Bis 1976 das erste Weltcup-Rennen gefahren wurde, kannte den Ort kaum jemand. Ein Jahr später registrierte der Verkehrsdirektor 50 000 Übernachtungen mehr, vom Umsatz der Hotels und Liftanlagen ganz zu schweigen. Drei Stunden Eurovision und rund 1000 Artikel in großen Zeitungen haben Meiringen auf die Landkarte gepusht."

Jetzt hofft Le Markstein auf den großen Boom, hat das Regionalkomitee in Mühlhausen 1,2 Millionen Francs investiert, um den verwöhnten Ansprüchen der Stenmark, Mahre oder de Chiesa gerecht zu werden. Der Slalomhang am Drehkopf wurde plattiert, ein kleiner Bach verschwand völlig in unterirdischen Rohren und mitten aus der Wiese wuchs ein modernes Zeitnehmerhaus. Anfang Februar werden die Schneekanonen aus allen Rohren feuern, falls Frau Holle bis dahin kurzarbeiten sollte. "Die Rennläufer fahren sowieso lieber auf Kunstschnee", versichert Patrick Lang, Vizepräsident des Organisationskomitees. "Schlecht wird es nur, wenn es kurz vor dem Rennen richtig schneien oder warm werden sollte."

Wie stark Serge Langs Hausmacht im Weltcup tatsächlich sein muß, ahnt man erst in Le Markstein. Verglichen mit den gigantischen Ski-Arenen der Alpen nehmen sich die drei Hotels und zehn Schlepplifte an der Route des Crêtes geradezu putzig aus. Mag sein, daß man hier herrliche Langläufe über die baumlosen Kuppen der Vogesen unternehmen kann – nicht schlecht und obendrein gesund. Aber die bunte Hektik des Ski-Zirkus paßt zum Markstein. wie die berühmte Faust aufs Auge. Nichts gegen die guten Absichten der Organisatoren, nichts gegen verständlichen Ehrgeiz der Touristik-Manager oder gegen geschäftstüchtige Hoteliers. Und einen Spezialslalom kann man am Drehkopf (1266 Meter) allemal fahren, wenn auch keine Abfahrt. Daß aber die "zehn- bis fünfzehntausend Zuschauer" (Lang) mit 200 Bussen herangekarrt werden müssen, um nicht sämtliche Straßen zu verstopfen, daß die Rennläufer und ihr Troß im fast 50 Kilometer entfernten Mühlhausen wohnen, weil es rund um den Markstein nicht genug Betten gibt, das stimmt doch nachdenklich. Und wem ist wirklich damit gedient, wenn Le Markstein künftig ein Termin im überladenen Weltcup-Kalender wird und sich die Besucherzahlen verdoppeln?

Bestimmt nicht der faszinierenden Landschaft zwischen Grand Ballon und Col de la Schlucht. Die bezieht ihren rauhen Charme aus der Einsamkeit der Wälder und dunklen Seen, der stillen Gasthofe links und rechts des Vogesenkamms. Noch geht der Blick ungehindert über die dunstigen Linien des Schweizer Jura bis zur eisblauen Kette der Alpen am Horizont. Kein Beton, keine Schnellstraßen, dafür Holzschindeln, Münsterkäse und Marillenschnäpse. Man wünscht sich, daß alles so bleibt, daß der Kachelofen den Kampf gegen die Fernheizung gewinnt und "Self Service" in den Restaurants weiterhin als Schimpfwort verstanden wird.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Denn bei aller Geschäftstüchtigkeit haben die Elsässer natürlich erkannt, welches Kapital eine weitgehend unberührte Landschaft darstellt. So darf sich Le Markstein ohne falsche Bescheidenheit als idealer Platz für Langläufer verkaufen, mit 50 Kilometern gut gespurter Loipen und einem Panorama der Superlative. Hat dann noch der Rauhreif über Nacht die unzähligen Holunder- und Vogelbeersträucher verzuckert, steigt der Rauch aus den Kaminen senkrecht zum Himmel und der Duft gebratener Maroni in gerötete Nasen, so begreift man die heimliche Liebe der Franzosen zu "ihren" Vogesen, Viel aufregender als Diskotheken, Boutiquen und Nightclubs erscheint den Gästen aus Paris, Marseille oder Brest die paradiesische Ruhe, zumal man ohne Prestigeverlust die Skier vom Vorjahr fahren kann, eine Winteridylle ohne Hektik, Highlife und hohe Umsätze.