Schicksale im Handumdrehen

Von halb zehn bis elf gab es in dem Lokal, wo er Geschirr spülen mußte, eine Weihnachtsfeier. Die Chefin nannte ihn Krimi statt Kim, und weil sie immer über das "r" stolperte, sagte sie manchmal Klimi. Für sie stammte er auch nicht aus Korea, sondern aus China, wie alle mit solchen Gesichtern. Kim konnte aber den Käse auf der kalten Platte nicht riechen. Er ist für warmes Essen.

Zu spät merkte er dann, daß er in das Erste-Klasse-Abteil der S-Bahn gestiegen war. Er fuhr wieder zurück und stieg im nächsten Zug in die zweite Klasse. Kim fürchtete nichts so sehr wie Polizei, Kontrollen und Käse.

Der Herr, bei dem er eingeladen war und den er aus dem Lokal kannte, hatte Grünkohl mit Kassler gekocht. Beim Kompott wollte ihn der Herr, der eine Vorliebe für Thais hat, abküssen. Da sagte Kim, daß er wirklich kein Um sei, und suchte die Telephonnummer eines Herrn, der ei-• nen Thai aus Vietnam mitgebracht hatte. Kurz nach acht kehrte er ins Wohnheim zurück, wo man gerade "Stille Nacht, Heilige Nacht" sang. Zum Grünkohl war noch Sekt gekommen, und Kim legte sich erst mal hin. Der Heimleiter fühlte ihm den Puls, und Kim verwechselte ihn mit dem Herrn, der ihn für einen Thai gehalten hatte, und machte einen Schmollmund.

Bei einem Spaziergang am ersten Weihnachtstag versuchte er sich an Heiligabend zu erinnern und wurde auf einem Zebrastreifen von einer Frau angefahren, die mit ihrer Mutter so früh wie möglich zum Friedhof wollte, um ihren kürzlich verstorbenen Mann zu besuchen.

Im Krankenhaus hörte Kim, daß es in den Krankenhäusern am Heiligabend leerer sei als sonst. Er hatte bis zum 4. Januar ein Zimmer für sich. Es gab Entenbraten, und er al ihn unter der Sofie weg.

Nächstes Jahr will er Heiligabend gegen 18 Uhr durch einen möglichst verschneiten Wald wandern, um unterwegs schon Glocken lauten zu hören. Die Dorfkirche am anderen Ende des Waldes ist so lange erleuchtet. Preis für Übernachtung und Vollpension, Busfahrt eingeschlossen, voraussichtlich DM 58,-.