ZEIT: Herr Kirchner, die Lohnforderungen für 1983 liegen im Bereich der Metallindustrie auf dem Tisch. In der Gewerkschaft Metall gab es heftige Auseinandersetzungen über die Höhe. Wie geschlossen ist die Arbeitgeberseite in diesem Jahr?

Kirchner: Die Arbeitgeberseite ist diesmal eine Art Notgemeinschaft, die sich dadurch auszeichnet, daß die Firmen in bisher nicht gekanntem Maße unter Ertragsverfall leiden. Die Lohnzugeständnisse müssen deshalb auf ein Minimum beschränkt werden. Das bedeutet für die Tarifverhandlungen einen äußerst geringen Spielraum und erfordert für das Durchstehen dieser Tarifrunde eine größtmögliche Solidarität.

ZEIT: Es gibt aber von Ihrer Seite jetzt keine Forderungen mehr nach einer Null-Runde oder einer Lohnerhöhungspause à la Blüm, die viele Unternehmen zunächst für den einzig richtigen Weg hielten. Haben die Tauben gegen die Falken in Ihrem Lager gesiegt?

Kirchner: Nein, das können Sie so nicht sehen. Aber wir sind uns darin einig, daß es nichts nützt, einen Kraftakt sondergleichen zu proben, wenn dies letztlich zum Pyrrhus-Sieg Wirde. Denn würden wir uns durchsetzen, müßte dies zum einen mit einem Arbeitskampf bezahlt werden und zum zweiten mit einer Revanchestimmung bei den Gewerkschaften, das heißt, alsbald stünden Nachforderungen ins Haus. Eine Lohnerhöhungspause kann nur dann eine optimale Strategie sein, wenn sie von beiden Seiten akzeptiert und mitgetragen wird.

ZEIT: Sie geben also diesmal einer Sicherung des sozialen Konsenses Vorrang?

Kirchner: Ja, allerdings nicht erneut um den Preis eines faulen Kompromisses willen. Wir wollen einen Mittelweg einschlagen zwischen einem Tarifergebnis, das nicht mehr finanziert an ist und dem völligen Verzicht auf jede Lohnerhöhung. Aber es bleibt ein Faktum, daß die Löhne, so wie sie heute schon sind, von vielen Firmen nicht mehr erwirtschaftet werden und daß jedes Zehntel Prozent zuviel, das bei dem jetzigen Nullwachstum durchgesetzt wird, weitere Beschäftigungseinbrüche auslösen muß.

ZEIT: Ist Ihre Haltung in der kommenden Lohnrunde womöglich beeinflußt von der Kaufkrafttheorie, die ja bisher von der Arbeitgeberseite stets als falsch abgelehnt wurde?