"Das Lalebuch." Der Name des Autors ist lang und unaussprechlich: Er heißt auf dem Titelblatt Abcdefghiklmopqrstuvwxyz. Wer das wirklich ist, hat man seit 1597 noch nicht herausbekommen. Kann man, wie das Evangelium von Petrus, sagen "seine Sprache verrät ihn"? Es ist jedenfalls eine recht offene, eine der des von Berlichingen nahe, verwandte Diktion. Sie ist aber auch voll von (fast homerisch poetischen) plastischen Bildungen wie "allermerkwürdignärrischseltsamabenteuerlichsten Possen", "Taginshauszutragensparenkunsterfindung" und "allganzimmereifrigstmöglichstem Ernst". Man sieht, allzu ernst kann es nicht sein. Oder doch? Es geht ja schließlich um nicht weniger als – ja um was? Die Klugheit? Die Dummheit? Schwer zu sagen. Die Laien, von denen hier berichtet wird, die literarischen Brüder der antiken Abderiten und der deutschen Schildbürger, waren einst, so hören wir, hochweise Ratgeber Das brachte ihnen nur Mühe, ihrem Ort nur Schaden. So beschlossen sie, sich dumm zu stellen, um in Frieden leben zu können. Aber was sie da so vorsätzlich trieben, wurde ihnen bald zur zweiten, also zur ersten Natur. Und da sie sich schließlich in alle Welt zerstreuten, weiß man nicht, ob man ihnen nicht grad eben begegnet oder gar von ihnen abstammt. Die damals zur gleichen Zeit konzipierten Narren Shakespeares stehen ihnen, als weise Toten, diametral gegenüber! Die Laien dagegen, töricht sich gebende Weise, könnten sich eher in Hamlet gespiegelt sehen. Aber seine ist nicht ihre Dimension: Es sind Bauern und Kleinbürger, die sich da im vielfachen Widerspruch ihrer Zeit, ihres Standes verstricken und verlieren. Ein altdeutscher Lesespaß, den man nicht missen sollte. (Herausgegeben und in unsere Sprache übertragen von Werner Wunderlich; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1982; 16? S., 38,– D.M) Bernhard Kytzler

"Erzählung von dem Leben der Lappen", von Johan Tun. Der 7. Band der Sammlung "Trajekt" legt in Neuausgabe das erste größere Prosawerk eines Lappen über das eigene Volk vor, das die lappische Literatur eröffnet und heute schon klassischen Rang besitzt. Wenn der Berglappe Johan Tun 1910 die Nomadenkultur der Lappen gegen die skandinavische Bauernkultur verteidigt, die in Verbindung mit Technik und Zivilisation sich einer Minorität überlegen glaubt, die schon immer im hohen Norden nachweisbar ist, so weiß er genau, wovon er spricht. Er selbst hat sein ganzes Leben (1854-1936) als Nomade, Rentierhalter, Jäger und Fischer gelebt. Der Hintergrund der Erfahrung prägt auch seinen Bericht. Turi verbindet Selbsterlebtes mit der erstmaligen Niederschrift mündlicher Überlieferungen. Er erzählt vom Einfangen wilder Rentiere, von der Herdenbildung und den Herdenwanderungen in den verschiedenen Jahreszeiten, von der Jagd auf die Feinde der Rentiere: Bär, Wolf, Vielfraß und Polarfuchs. Er erzählt auch von den Geschöpfen der Lappenphantasie, ihren Märchen und Sagen, ihren Zauber- und Beschwörungskünsten. Spontan mitreißend – "voia voia nana nana" – sind die "Gesinge der Lappen", die sich als eine "Erinnerungskunst an die Menschen" verstehen, aber auch an ihre Gefährten, die Rentiere, an die Jahreszeiten und Schutzgötter der Weideplätze gerichtet sind. Den Beschluß bilden, ausführlich erläutert, eigentümliche Zeichnungen Turis, die Szenen aus dem Nomadenleben festhalten. (Aus dem Dänischen von Mathilde Mann, herausgegeben von Emilie Demant; Sammlung Trajekt 7, Klett-Cotta, Stuttgart, 1982; 332 S., 36,– DM.) Anni Carlsson

"Das große Thaddäus Troll-Lesebuch". Im Literaturbetrieb völlig normal: ein Autor stirbt, das Geschäft mit seinen Büchern belebt sich. Der Verlag wählt einen vielversprechenden Titel ("Das große XY-Buch") und treibt einen prominenten Nach-Redner auf. Trolls eigenen "Nachruf zu Lebzeiten" (vorletztes Stück der Sammlung) mochte man offenbar als letztes Wort nicht gelten lassen. Merkwürdig selbstsichere Anmerkungen zu Trolls Suizid werden zu Protokoll gegeben. Sagt da nicht Trolls (Mundart-)Gedicht "De profundis" mehr über Ausmaß und Tiefe seiner Traurigkeit zum Tode? Die letzten vier Zeilen (hier hochdeutsch wiedergegeben) lauten: "Denn du bist bei mir / Verzweiflung / dein Stecken und Stab / ist über mich gekommen." Was enthält dieser Troll-Reader? 130 zur Hälfte entweder überhaupt noch nicht oder noch nicht in Buchform veröffentlichte Feuilletons, Plaudereien und (meist Mundart-)Gedichte. Natürlich gibt es am Ende des Buches eine dicke Werbung für das Erfolgsbuch "Deutschland, deine Schwaben" aber im Buch keine Proben daraus. Und schon gar keinen Auszug aus der hochaktuellen Nuklear-Apokalypse "Herrliche Aussichten" (Goldmann-Taschenbuch 3734, nach Trolls eigener Einschätzung sein "bester Roman". (Mit einem Nachwort von Walter Jens; Hoffmann & Campe; 398 S., 29,80 DM.) Hanns-Hermann Kersten

Talkshows zwischen zwei Buchdeckeln. TV-Ratefuchs Guido Baumann ("Was bin ich?") präsentiert sich in neuer Rolle als Herausgeber einer Satire-Reihe. Den Titel der zehn Bücher regiert jeweils die Präposition "... über". So läßt sich über nahezu alles, alles in der Welt plaudern, und Baumann verkauft seine Sich- und Lachbücher als "Talkshow zwischen zwei Buchdeckeln". Der Rezensent aber verzweifelt vor der Aufgabe, in einer "Super-Talkshow zwischen zwanzig Buchdeckeln" zehn Büchern reihenweise Ungerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eine handfestere Methode muß her! Wie wäre es mit den Kriterien der Gemüsefrau? Jawohl – so geht’s: Der Buchstapel wird kühn in drei Häufchen der Handelsklassen A, B und C sortiert und vordringlich (A), nachdrücklich (B) beziehungsweise beiläufig (C) empfohlen! – A: "... über Oper – Verdi ist der Mozart Wagners", von Eckardt Henscheid und Chlodwig Poth (1982 auch als Ullstein-Taschenbuch Nr. 20184, 5,80 DM). – "... über die Bundesliga – Die verkaufte Haut", von Dieter Hildebrandt (1982 auch als Ullstein-Taschenbuch Nr. 20162, 5,80 DM). – ,,... über Wahlkampf – Ein Leitfaden für das zahlende Publikum", von Felix Rexhausen. – "... über Sport – Dabeisein, ist gar nichts", von Werner Schneyder. – B: "... über Liebe – Ihr Kinderlein, kommet nicht / Geschichte der Empfängnisverhütung", von Karl Hoche. – "... über Fernsehen – Munition gegen das öffentlich-rechtliche Komplott", von Gert v. Paczensky. – "... über Emanzipation – irren ist männlich / Eine Polemik für Männer, die für Frauen sind", von Reinhard Tramontana. – C: "... über Dicke – Ab- und Zunehmen", von Felix Dvorak. – "... über Ärzte und Patienten – Der Nächstbeste, bitte!", von Helmut Qualtinger. – ,,...über das Klo – Ein Thema, auf das jeder täglich kommt", von Horst Velten, (Bücher Verlag, Luzern/Frankfurt; zwischen 140 und 180 S., je 19,80 DM.) Hanns-Hermann Kersten