Es war kein gutes Jahr für Deutschlands Topmanager. Nicht mit unternehmerischen Leistungen machten sie in erster Linie von sich reden, sondern durch Skandale und Rausschmisse. Schon wenn einzelne Bosse von Großunternehmen im Streit ihre Chefsessel räumen müssen, bleibt häufig ein Makel an ihnen haften – oder am Unternehmen, seinem Aufsichtsrat und Eigentümer. Doch 1982 geschah mehr: Kopfstarke Vorstandsriegen und komplette Konzernspitzen wurden mit einem Schlage weggefegt. Soviel Spektakel gab’s noch nie in einem Jahr.

Die bei weitem peinlichsten Schauspiele fanden in Hamburg und Düsseldorf statt, beim größten Wohnungsbau-Unternehmen und beim größten Familienkonzern der Republik: der gewerkschaftseigenen Neuen Heimat und Flick. Welche dieser beiden Affären mehr gesellschaftspolitisches Porzellan zerschlug und die Wut des kleinen Mannes über die Kungelei der Mächtigen im Staate stärker schürte, ist kaum zu entscheiden. Fest steht: Der Vertrauensschaden ist riesig.

Bei ebenso einträglichen wie zwielichtigen Privatgeschäften, die sie seit vielen Jahren und wohlweisich. über Strohmänner und Tarnfirmen betrieben, wurden im Februar ausgerechnet der Chef der Neuen Heimat, Albert Victor ("King Albert"), und einige seiner Vorstandskollegen ertappt. Der Skandal zog rasch Kreise. Mit von der Partie bei dunklen Victor-Geschäften war nämlich auch Walter Hesselbach gewesen, Vorstandsvorsitzender der mächtigen Gewerkschaftsholding Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft und zugleich Aufsichtsrat der Neue Heimat Städtebau. Der Genosse Filz ließ grüßen.

Die Gewerkschaftsbosse im Aufsichtsrat, selbst bald im Zwielicht durch ihre laxe Kontrolle und – wie sich herausstellte – bevorzugten Beteiligungen an Neue-Heimat-Projekten in Berlin, gerieten unter den Beschuß ihrer empörten Mitglieder. In aller Eile ließen sie Köpfe rollen. Sie feuerten Victor sowie die Vorstände Wolfgang Vormbrock und Harro Wen fristlos. Von den weiteren Vorstandsmitgliedern Horst Städter, Peter Dresel und Rolf Dehnkamp trennte man sich später "im gegenseitigen Einvernehmen", wie es hieß. Walter Hesselbach blieb dagegen ungeschoren.

Die undankbare Aufgabe, den derart paralysierten und außerdem verlustreichen Baukonzern wieder in Fahrt zu bringen und neu auf die hehren, unkapitalistischen Ziele der Gewerkschaften auszurichten, fiel Diether Hoffmann zu, vorher einer der beiden Sprecher der ebenfalls gewerkschaftseigenen Bank für Gemein Wirtschaft.

Späte Konsequenz des Erdbebens bei der Neuen Heimat: Als es um die Nachfolge Heinz Oskar Vetters auf dem Chefsessel des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ging, fiel der seit langem auserkorene DGB-Spitzenfunktionär Alois Pfeiffer durch. Auch er hatte privat in Neue-Heimat-Wohnungen investiert. Neuer DGB-Boß wurde der unbelastete Ernst Breit, zuvor erster Mann der Postgewerkschaft.

Den Gewerkschaftsdrama folgte in November der Polit-Krimi und der zweite Kahlschlag einer Konzernspitze. Über Nacht verlor das tiefgestaffelte Industrie-Imperium Flick (wichtige Töchter und Beteiligungen: Buderus, Krauss Maffei, Dynamit Nobel, Feldmühle, Daimler-Benz und Gerling) alle drei Top-Manager. Konzerneigentümer Friedrich Karl Rick entließ die beiden persönlich haftenden Gesel schafter Eberhard von Brauchitsch und Hanns Amt Vogels. Der dritte, Klaus Götte, nahm zugleich freiwillig seinen Hut.