Von Wilfried Kratz

Wir mögen im Automobilbau nicht mehr so gut sein", hört man gelegentlich in Großbritannien, "aber in der City zeigen wir immer noch unsere kommerzielle Brillanz." The City, das ist nicht nur die berühmte Quadratmeile im ältesten Teil von London. The City ist das Kürzel für das finanzielle Herz des Landes, der Inbegriff der Dienstleistungen, die die ,,unsichtbaren Exporte" abwickeln – ein Aktivum in der Zahlungsbilanz, auf das die Briten so stolz sind. Es ist die Welt der Banken und Finanzmärkte, der Versicherungen und Rohstoffbörsen, der Schiffsmakler und Händler.

Die City wird zwar auch kritisiert, sie gilt als Symbol für das kapitalistische Gehege, in dem das Geld höher bewertet wird als die Produktion. Aber Regierungen beider Couleur haben die Geldgemeinde als wichtigen Arbeitgeber und Devisenbringer stets sorgfältig gepflegt. Um so größer ist die Aufregung, wenn der Ruf einer solch wichtigen Institution in Gefahr gerät. Und genau das ist geschehen.

Lloyd’s of London, dieser in seiner Struktur und seinen Geschäftsmethoden einzigartige Versicherungsmarkt, wird von einer Serie von Skandalen erschüttert. Sein Vorsitzender, Sir Peter Green, gibt zu: "Das hat der City enormen Schaden zugefügt."

Die meisten Besucher von Lloyd’s, die den riesigen underwriting room betreten, sind überwältigt. In dem prächtigen Saal herrscht ein verwirrendes geschäftiges Getümmel In den kleinen Boxen unterschreiben die underwriter Versicherungsverträge; die nehmen Risiken in Deckung für Flugzeuge und Bohrinseln, Brand- und Sturmgefahren, den Diebstahl von Kunstschätzen und das Auftauchen des Loch Ness Monsters. Prämien von über drei Milliarden Pfund (zwölf Milliarden Mark) im Jahr werden hier eingenommen.

Am Ende der Besichtigung werden Besuchern gern Broschüren mitgegeben, die die Arbeitsweise von Lloyd’s erklären, ja rechtfertigen und mit der pathetischen Konklusion enden: "Gestützt auf eine Tradition von fast drei Jahrhunderten und eine moderne und vorausschauende Haltung wird Lloyd weiter den Bedürfnissen eines expandierenden Welthandels dienen und bei der wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit seine Rolle spielen."

Dieses Versprechen steht nicht mehr auf ganz so festem Boden. Eine Reihe von Affäre und Skandalen, die die häufige Einschaltung des Betrugsdezernats der Polizei notwendig machte, hat die Frage aufgeworfen, ob Lloyd’s noch wie ein Gentlemen’s Club geführt werden kann, wie er sich manchmal mit einem Anflug von Nostalgie präsentiert. Schon vor zwei Jahren kritisierte eine unabhängige Arbeitsgruppe die "antiquierte Verfassung" und den "beschränkten Einfluß" der so ängstlich gehüteten Selbstverwaltung des Clubs. Er erinnert sich immer noch gern an seine Anfänge, als 1688 im Kaffeehaus von Edward Lloyd Informationen über den Schiffsverkehr ausgetauscht und zu Geld gemacht wurden.