Wer jemals auf einer Weide von Kühen umringt wurde, der weiß, wie mulmig einem zumute werden kann, obwohl Rinder offensichtlich eher neugierig als gefährlich sind. Wie mulmig würde einem jedoch werden, wenn die Biester doppelt so groß wären?

Was Spaziergänger schrecken mag, könnte für Viehzüchter und Steak-Esser ganz reizvoll sein – und demnächst vielleicht auch machbar, per genetischer Manipulation.

Der erste Schritt in die Welt der schönen neuen Riesen gelang einer siebenköpfigen amerikanischen Forschergruppe. Sie berichtete am 16. Dezember in der britischen Wissenschaftszeitschrift Nature über ihre Arbeit: In einem Labor der Universität von Pennsylvania leben seit Mai sechs Mäuse, die nahezu doppelt so groß geraten sind wie ihre normalen Artgenossen (siehe Aufnahme).

Vielleicht gelingt es den Forschern, aus ihrem halben Dutzend mächtiger Mäuse eine Kolonie riesenhafter Niger zu züchten. Und vielleicht kann die verwendete Technik auch bei anderen Tierarten, inklusive Rindern, eingesetzt werden: die Übertragung von Genen zur Produktion von Wachstumshormon. Auf jeden Fall wird die Methode, wie es in dem Bericht heißt, „die Erforschung der biologischen Wirksamkeit von Wachstumshormon beeinflussen, ein Weg zur Beschleunigung des Wachstums von Tieren sein, als ein Modell für Gigantismus (krankhafter Riesenwuchs, Red.) dienen, eine Möglichkeit zur Korrektur von Erbkrankheiten sein und Verfahren zur landwirtschaftlichen Erzeugung wertvoller genetischer Produkte eröffnen“.

Der Katalog gentechnischer Zukunftsvisionen basiert auf einem rasch breiter werdenden Wissen über gezielte Eingriffe in das Erbgut. Schon tummeln sich in der Menagerie der Gen-Manipulateure solche Schimären wie Fliegen mit unnatürlichen Augenfarben und Mäuse mit Hasen-Hämoglobin im Blut. Und nun übertrugen die sieben Forscher zum erstenmal Gene für eine wichtige Erbeigenschaft – nämlich die Größe – von einem Säugetier auf ein anderes: Sie schmuggelten zusätzliche Kopien von Ratten-Genen, die für die Produktion von Wachstumshormon zuständig sind, in befruchtete Mäuseeier.

Das Wachstumshormon ist hauptsächlich dafür verantwortlich, welche Größe ein erwachsenes Säugetier erreicht (solange es über ausreichend Nahrung verfügt). Zu wenig des Wirkstoffs führt zu Zwergwuchs, zu viel zu Gigantismus.

Der Weg zu den Jumbo-Mäusen begann mit der Isolierung des Wachstumshormon-Gens von Ratten durch Ronald Evans und Neal Himberg vom Salk-Institut im kalifornischen San Diego. Das Laborprodukt mußte dann auf gentechnischem Weg mit bestimmten Erbsubstanz-Bauteilen von Mäusen verknüpft werden, damit später die Mäusezellen das manipulierte Gen als eines der ihren akzeptieren und das erwünschte Ratten-Wachstumshormon erzeugen. Richard Palmiter von der Universität von Washington in Seattle löste das Problem, indem er ein bestimmtes Stück Mäuse-Erbsubstanz, das für das „Anschalten“ von Genen zuständig ist, mit dem Ratten-Gen verband.