Von Christian Schmidt-Häuer

Auf den ersten Blick macht Moskaus neuer Parteichef eine überragende Figur. Deutlich hebt er sich von der kollektiven Führung ab. Obwohl er seine Schultern auffällig nach vorne beugt, müssen die vier zusammengesunken wirkenden Mittsiebziger, die jetzt überall neben ihm in der ersten Reihe stehen, zum 68jährigen Jurij Andropow aufblicken.

Die wachsamen Vier werden angeführt vom 71jährigen Konstantin Tschernjenko, der demonstrativ in Suslows früherer Rolle als Nr. 2 der Partei auftritt. Er hat (wie ehedem Suslow) den Auswärtigen Ausschuß des Obersten Sowjets übernommen und ist nicht Staatspräsident geworden. Er war nicht zu schwach für das hohe Amt, wie westliche Beobachter meinten, sondern zu stark: Als Staatschef hätte er die Machtbasis des ZK-Sekretärs aufgeben müssen. Tschernjenko führt die alte Breschnjew-Riege an, gefolgt vom 77jährigen Ministerpräsidenten Tichonow. Den dritten und vierten Platz nehmen der 74jährige Verteidigungsminister Ustinow und der 73jährige Außenminister Gromyko ein. Sie beide waren es, die nach Breschnjews Tod Jurij Andropow unter Berufung auf die internationalen Probleme gegen Breschnews Wunschkandidaten Tschernjenko durchpaukten.

Das neue Führungs-Quintett ist zwar betagt, aber es widerlegt den Eindruck, daß es in den letzten Jahren überhaupt keinen Wandel gegeben hat. Unter den führenden Männern gibt es jetzt niemanden mehr, der schon 1968 im Politbüro saß und über den Einmarsch in Prag abstimmte. Der Mann, dessen Votum damals den Ausschlag für die Invasion gab, ruht gerade sechs Wochen an der Kreml-Mauer – aber er wirkt heute schon so entrückt wie Nabarezbnije Tschelnij, jene Industriestadt am Kama-Fluß, die nun in Breschnjewgrad umgetauft worden ist. Die triste Riesen-Siedlung ist für diese Ehrung ungewöhnlich entlegen.

Die neue Regie wirkt unauffällig, aber selbstsicher. Am 21. Dezember feierte die Sowjetunion ihr 60. Jubiläum – neun Tage im voraus, aber genau an Stalins Geburtstag. Der Festredner mit dem klugen, eingefallenen Gesicht und den starken Brillengläsern wahrte augenfällig Distanz zu den Klatschorgien im Großen Kreml-Saal: Jurij Andropow bemüht sich weder um Jovialität wie der jüngere Breschnjew noch um inquisitorische Schärfe wie der alte Suslow. Er schätzt die Aura kühler Professionalität, er demonstriert die Macht des Wissenden. Mit dem langjährigen, ehemaligen KGB-Chef an der Spitze der Partei und nach den ersten Personalentscheidungen wirkt der Geheimdienst so mächtig wie nie seit Berijas Tagen. Der große Bruder ist wieder wer: Zwölf Monate vor dem Orwell-Jahr 1984 herrscht die Partei zwar weiter über die Gewehre, aber die Mikrophone kontrollieren die Partei,

Doch welche Rolle spielt Andropow wirklich, was will er, was kann er erreichen? Nach Stalins und Berijas blutigem Terror schenkte Chruschtschow der Sowjetelite das Leben, Breschnjew gab ihr die Ämter – und Andropow muß nun für die zügige Pensionierung sorgen. Für ihn gilt es, einen epochalen Generationswechsel kurz und schmerzlos durchzusetzen – wenn der 68jährige Parteichef mehr als nur ein Übergangskandidat sein will.

Andropows außenpolitische Aufgabe ist kaum leichter. Chruschtschows plumpe Umarmungsversuche brachten die Welt näher an den Rand des Krieges als Breschnjews Aufrüstung. Aber das Gleichgewicht des Schreckens ist zu einem selbstmörderisch überladenen Balanceakt geworden. Der neue Parteichef muß ihn unter Kontrolle bekommen, muß ihn vom Ballast der Überrüstung befreien.