ARD und ZDF, 24/25. Dezember: Übertragungen der Weihnachtsgottesdienste

Gewiß, auch der Bundespräsident wiederholte wenigstens einmal, mit altfränkischer Grammatik, die Formel, daß „Christus der Welt Friede und Erlösung verkündet hat“, nachdem er zuvor Friedensgrüße verteilt hatte, etwa an „alle, die an Weihnachten arbeiten“ – „Dabei gilt mein besonderer Dank den Soldaten und der Polizei“ – oder an die „Verbündeten“ mit ihren „vielen tausend Soldaten“. Aber sonst hielt es ihn, Staat und Kirche sind getrennt, bei Säkularem, bei unseren Sorgen (Arbeitslosigkeit und Sparzwang) und unserer Dankbarkeit (für den Frieden, jetzt 38 Jahre, und für Hilfsbereitschaft, für Spenden und für Einsatzbereitschaft: „Viele junge Menschen setzen sich freiwillig für das allgemeine Wohl ein – in der Feuerwehr ...“).

Gewiß, auch die Bischöfe von Freiburg und Passau ließen in den Fürbitten ihrer Pontifikalämter erinnern an so Weltliches wie Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise, an den Dünkel der Überlegenheit gegenüber anderen Rassen und Kulturen, an die Orientierungslosigkeit der jungen Generation. Aber sonst hielt es sie, Kirche und Leben sind getrennt, bei der „Botschaft“ und dem „Geheimnis“, bei der wohlgesetzten, aber kaum je über die Formel sich hinauswagenden Rede.

Der eine bemühte das „Wort“, das man „zunächst einfach stehen lassen und aushalten muß“, der andere das „Licht“: „Wer sich vor seinen Strahlen nicht verbirgt, darf Hoffnung haben.“ Der eine spürte und verriet die „Unzulänglichkeit unserer Worte besonders dann, wenn sie sich an das Geheimnis der Menschwerdung heranwagen“, der andere wußte, daß „die Welt in dichte Finsternis gehüllt“ ist, die „Macht der Finsternis sich aber als Ohnmacht enthüllt“. Der eine respektierte zwar den „Verstand“, der „Fragen, Einwände anmeldet“, plädierte aber mehr für das „Herz“: „Und wenn wir noch soviel machen und noch mehr Machbares erahnen und erträumen können, müssen wir die Demut aufbringen zu einem legitimen Staunen, Schweigen und Niederfallen vor dem Geheimnis.“ Der andere folgerte aus seinem Licht-Axiom mit lyrischer Konsequenz: „Wer sich von Jesus aus der Dunkelheit herausführen läßt, hat jetzt schon den entscheidenden Schritt vom Tod zum Leben getan.“

Was Wunder, daß soviel oberhirtiche Verbalroutine die Herde sprachlos machte. Denn wann immer die Kamera bei diesen bischöflichen Gottesdiensten zwischen Schwenks über barocke Deckengemälde und Krippenfiguren und bedeutungsvollen Zooms auf den Gekreuzigten vom Hohen Chor herunterblickte in die Gemeinde jenseits des Gitters oder hinter dem Absperrseil, beim volksliedhaften Weihnachtschoral wie bei der liturgischen Respons, beim Vaterunser wie beim Glaubensbekenntnis: sie zeigte die stummen, feierlich-ernsten Mienen von Zuschauern, die die Formel nicht mehr beherrschen und denen die Distanz den Mund verschlossen hat.

Die Probleme seien „so drängend geworden“, mancher habe „keine Perspektive mehr“ – konstatierte der Freiburger Erzbischof. Die Fernsehübertragungen der Weihnachtsgottesdienste haben diese Rat- und Sprachlosigkeit gezeigt – und zwar auf beiden Seiten der schmiedeeisernen Chorschranken. Heinz Josef Herbert