Es gibt Leute, die empören sich über die No-Future- und Null-Bock-Generation. Es sind manchmal dieselbe Leute, die dafür sorgen, daß die junge Generation keine Zukunft hat.

Nach einer Kabinettsvorlage des niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, datiert vom 18. Oktober 1982, soll die sogenannte ,,Jahresaufnahmekapazität" für Studenten des Lehramts an Gymnasien von bisher 2100 auf 1000 gesenkt werden; die der Studenten für Realschulen von bisher 900 auf 500. Um dies zu erreichen, soll das Lehrerstudium an den Universitäten in Niedersachsen erheblich eingeschränkt werden. Von diesen Plänen ist die Universität Hannover am meisten betroffen. Hier möchte der Wissenschaftsminister Johann Tönjes Cassens die Lehrerausbildung für Gymnasien in folgenden Fächern ganz streichen: Deutsch, Englisch, Französisch, Mathematik, Biologie, Chemie, Physik, Geschichte, Erdkunde, Sozialkunde, Sport und Philosophie. Es bleiben lediglich die Fächer Musik und Religion und die dazu wählbaren zweiten Fächer. Kleinere und junge Universitäten wie Osnabrück und Vechta kommen vergleichsweise besser weg, aber auch hier werden ganze Fächer wegfallen. Personalpolitisch heißt das zunächst, daß Hannoveraner Hochschullehrer mit befristeten Arbeitsverträgen in Bälde beim Arbeitsamt sich melden dürfen. Offenbar wird aber auch daran gedacht, unkündbare Professoren auf andere Stellen zu versetzten. Keiner weiß, wie das gehen soll. Muß sich der Goethe-Spezialist auf Maschinenbau umschulen lassen?

Der Minister begründet seine gewalttätige Vorlage mit neuen Berechnungen des Lehrerbedarfs. In den Jahren 1985 bis 1990 werden für das Lehramt an Gymnasien nur zehn Prozent der Neubewerber eingestellt werden können. Außerdem sieht der Minister einen "Altbewerberstau". Ein schönes Wort, ein neuer Beruf: der Altbewerber. Schon jetzt gibt es einen Stopp insofern, als Einstellungstermine einfach gestrichen werden. Zum 1. August 1982 hatten sich 2503 Lehrer für allgemein- und berufsbildende Schulen um 62 Stellen geprügelt.

Daß die öffentlichen Haushalte sparen müssen, hat sich herumgesprochen. Offenbar sind den Regelungen Kabelfernsehen und neuerdings wieder Straßenbau wichtigere Projekte. Dort investieren sie. Bei den Universitäten, die arm und schwach sind, wird gespart, bis es nichts mehr zu sparen gibt. In den sechziger Jahren hatte Hannover eine technische Hochschule. Mit viel Geld und Ehrgeiz wurde sie zu einer Universität mit geisteswissenschaftlichen Fächern ausgebaut. Jetzt wird der Betrieb, wie man wohl sagt, "zurückgefahren". Läßt man einen Hochofen erlöschen, dann geht er kaman Mit der Universität Hanover könnte das ähnlich enden. Von einem Fach wie der Germanistik zum Beispiel bleibt, wenn man die Lehrerausbildung und die dafür vorgesehenen Stellen streicht, fast nichts mehr übrig.

Die Erklärung des Ministeriums, die eher wie eine Ausrede klingt ("Lehrerstau"), läßt vor allem eine wichtige Einsicht völlig außer acht: Ein reduziertes Lehrangebot etwa bei der Literatur ist – gar keines mehr; nur das Ensemble eines Angebots gibt dem Studenten – ob er nun ein MA-Examen oder eine Lehramtsabschlußprüfung absolviert – die Möglichkeit, sich über Sturm und Drang und Exil-Literatur, über Barocktheater und das proletarische Theater der Weimarer Republik zu informieren. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, und halbiert ist dieses Glas Wasser garantiert halb leer. Die besonders in Hannover bisher geglückte und wichtige Verzahnung des Studiums mit Lehrangeboten von Oskar Wege oder Jürgen Seiffert knackt einfach wer: Es entfällt nicht nur das Programm für die Lehrer, sondern es bliebe ein Dörrprogramm für Nicht-Lehrer; Hans-Mayer-Nachfolger Leo Kreutzer ("Mein Gott Goethe"): "In Wahrheit bedeuten diese Reformpläne, die mit uns nicht einmal diskutiert werden, die Amputation der Universität Hannover um die gesamte 5. (geisteswissenschaftliche) Fakultät."

Als noch von der Bildungsreform die Rede war, träumte man von kleineren Schulklassen und besser ausgebildeten Lehrern. Die Klassen sind nicht kleiner geworden, die Lehrer wurden nicht besser ausgebildet. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Niedersachsen errechnete nur das Schuljahr 1981/82 einen Bedarf von rund 4000 Lehrern für allgemein- und berufsbildende Schulen. Es gab aber nur 887 Planstellen.

Die Auswirkungen des ministeriellen Plans, sollte er durchgesetzt werden, können nur verheerend sein. Er entspringt einem völlig ungebrochenen, technokratischen Verwertbarkeitsdenken. Wir brauchen kein Lehrer mehr? Also schließen wir die Universitäten. In Baden-Württemberg geht es ähnlich zu. So ist die Rede davon, die Pädagogische Hochschule in Heidelberg müsse geschlossen werden.