Alexis de Tocqueville

Der Ruhm des Grafen Tocqueville gründet sich zum guten Teil auf ein Mißverständnis – vielmehr die törichte Verengung des Interesses auf eine visionäre Passage am Ende des ersten Bandes seiner Studie über die Vereinigten Staaten. "Es gibt in dieser Zeit", schrieb der Autor im Jahre 1835, "zwei große Nationen in der Welt, die von verschiedenen Ausgangspunkten sich dem gleichen Ziel entgegenbewegen. Ich spiele auf die Amerikaner und die Russen an. Beide sind herangewachsen, ohne daß es jemand bemerkt hätte. Während sich die Aufmerksamkeit der Menschheit auf anderes richtete, plazierten sie sich plötzlich in den vordersten Rang der Nationen. Die Amerikaner kämpfen gegen die Hindernisse, die die Natur ihnen entgegensetzt; die Gegner der Russen aber sind Menschen. Die ersteren schlagen sich mit der Wildnis und ihrem Leben herum; die letzteren mit der Zivilisation und all ihren Waffen. Die Eroberungen der Amerikaner werden darum mit der Pflugschar gemacht; die der Russen aber mit dem Schwert. Das prinzipielle Instrument des ersteren ist die Freiheit; das des zweiten die Knechtschaft. Ihr Ausgangspunkt ist verschieden, und ihre Wege sind nicht dieselben; doch jeder scheint durch den Willen des Himmels dazu bestimmt, die Geschicke des halben Erdballs zu beherrschen."

Eine erstaunliche Voraussicht. Der Graf ahnte das Resultat des Zweiten Weltkrieges voraus, der 120 Jahre später die Welt in eine amerikanische und eine sowjetrussische Einflußsphäre aufteilen sollte. Er täuschte sich auch nicht, was die ewige Knechtschaft der Moskowiter anging. Allerdings vergaß er in jenem Finale (wenn auch nicht im voraufgegangenen Text), daß der Vormarsch der amerikanischen Pioniere nicht nur die Wildnis, sondern auch die indianischen Völker besiegte. Es ist offensichtlich, woran sich die Leidenschaft dieser Sätze entzündete: Als Tocqueville über seinem Manuskript saß, hatte Zar Nikolaus I. nicht lange zuvor die Erhebung der freiheitsdurstigen Polen niedergeprügelt.

In beiden Bänden aber ist in Wirklichkeit von Rußland, von Außen- und Weltpolitik nur am Rande die Rede. Die Aufmerksamkeit des Verfassers konzentrierte sich ganz auf die inneren Verhältnisse der Vereinigten Staaten, die er an seinem Generalthema prüfte: dem der Demokratie. In seinem Vorwort zur ersten Auflage gestand er, daß er "in Amerika mehr als Amerika" sah: "Ich suche dort", sagte er, "das Bild der Demokratie selber." In der Vorrede zur zwölften Ausgabe im unruhigen Jahr 1848 sprach er präziser davon, daß mit der "Heraufkunft der Demokratie als der beherrschenden Macht in den Zeitgeschäften" jeden Augenblick gerechnet werden müsse. Die Amerikaner seien im Begriff, die Früchte der demokratischen Revolution zu ernten, ohne sich selber der Revolution aussetzen zu müssen. So hatte der junge Aristokrat bei seiner Beschreibung des transatlantischen Wunders nicht nur Amerika, sondern – halb offen, halb heimlich – vor allem sein heimatliches Frankreich im Auge. Das Werk sollte eine pädagogische Funktion erfüllen.

Tocqueville war mit seinem Freund Gustave de Beaumont 1830 zu einer Studienreise aufgebrochen, die einer Untersuchung des Gefängniswesens in den Vereinigten Staaten dienen sollte. Diese offizielle Mission brachten die beiden pünktlich hinter sich, um danach den Kontinent vom kanadischen Norden bis zum subtropischen New Orleans, vom kühlen Boston bis in die Prärien jenseits des Mississippi zu durchstreifen. Sie legten in knapp neun Monaten 7000 Meilen oder mehr als 12 000 Kilometer auf Dampfschiffen, in Postkutschen und auf Pferderücken zurück. Reporterehrgeiz allein war es nicht, der sie auf dieser tour de force vorantrieb. Die liberalen Jünglinge wollten Beweise für die Überlegenheit demokratischer Gesellschaft zusammentragen, um Frankreich Mut für die überfälligen und unvermeidbaren Reformen zu machen. Der amerikanische Bürger, stellte Tocqueville voller Enthusiasmus fest, betrachte das allgemeine Wohl als das seine.

Tocqueville meinte, bereits einen Zustand jenseits der Klassenkonflikte wahrzunehmen. Furchtlos stellte er fest, daß "demokratische Institutionen eine Leidenschaft für die Gleichheit wecken und nähren", die sie "niemals ganz befriedigen können". Das Verlangen nach Gleichheit, aus dem sich von Beginn an die Energien der amerikanischen Seele nährten, wurde in Europa hartnäckig übersehen, schon damals. Diese Nachricht aus der Neuen Welt wurde nicht gern gehört. "Kann man es glauben", fragte der Graf mit hoheitsvoller Bosheit, "daß die Demokratie, die das Feudalsystem stürzte und Könige besiegte, vor Kapitalisten und Händlern den Rückzug antritt?"