Von Fritz J. Raddatz

Fritz J. Raddatz: Wer die heutige Sozialdemokratie unter dem Aspekt kultureller Leistung oder ihrer Verbundenheit zur Kultur betrachtet, ist zu einer akrobatischen Haltung gezwungen: Er möchte sehr gerne aufschauen, wenn er aber nach oben blickt, dann ist da sehr wenig. Wolf gang Koeppen nennt die SPD eine Schwesterpartei der CDU mit anderer Sozialerfahrung, Böll klagt den Phantasiemangel dieser Partei ein, der Sozialwissenschaftler Flechtheim spricht vom vollkommenen Utopie-Defizit. Wo liegt der Defekt Ihrer Partei?

Willy Brandt: Ich habe zunächst Schwierigkeiten damit, so generell über Kultur zu sprechen. Ich bin aufgewachsen in einer Zeit, in der mit Kultur sehr viel Engeres gemeint war, vielleicht aus damaliger Sicht sehr viel Höheres, Höherstrebendes. Inzwischen habe ich gelernt, daß Kultur heute nicht mehr nur Literatur, Kunst und allenfalls noch Bildung und Wissenschaft sei, sondern – auf die eine oder andere Weise – die Gesamtheit dessen, was eine Gesellschaft bietet oder was aus vielen einzelnen eine Gesellschaft formt. Von der Grundwertekommission der SPD habe ich auch gelernt, daß es eine politische Kultur gibt, wie sie besser sein könnte, daß man die "Gegenkultur" nicht spüren, sondern sich mit ihr auseinandersetzen soll Dennoch: Ich habe Schwierigkeiten damit, die SPD an einem kulturellen Anspruch zu messen, den Sie voraussetzen.

Raddatz: Wir können einen anderen, genaueren Begriff einführen, an dem sich meine Fragestellung präziser diskutieren läßt, nämlich Theorie. Einverstanden, wir wollen hier nicht über die Kunst der Fuge oder Picasso reden. Die Sozialdemokratie hat sich seit sehr langem aus jeder Theoriedebatte ausgeschaltet, hat auch keine Theorie mehr geliefert. Der sozialdemokratische Wissenschaftler Horst Heimann spricht von einer "niederschmetternden Bilanz", die zeige, daß wegen dieses Theoriedefizits Ihrer Partei aus Kreisen der akademischen Intelligenz "zunehmend Kritik, Ablehnung, ja tiefe Verachtung entgegenschlägt" – selbst wenn sie noch SPD wählen, gar Mitglieder sind. Besonders merkwürdig für eine Partei, die schließlich durch Theoriedebatten groß geworden ist, zumindest sich definiert hat Ich muß Ihnen Namen wie Kautsky oder Bernstein oder Luxemburg nicht nennen. Da habe ich einen "horror vacui", wenn ich an die jetzige SPD denke.

Brandt-Ja, das verstehe ich.Trotzdem ein Einwand; Die, die ich noch gekannt habe, aus der zwischen den beiden Kriegen – und wie vielen ist man da begegnet, die noch Bebel erlebt hatten – für die war die alte Arbeiterbewegung, gleich Sozialdemokratie, nicht eine theoretische Angelegenheit. Sondern für die war das in erster Linie Ausdruck dessen, daß sie auch am Tisch der Gesellschaft Platz haben wollten. Sie forderten Gerechtigkeit. Auf die heutige Sozialdemokratie bezogen ist ja eine wichtige Entscheidung durch Kurt Schumacher 1945/46 gefällt worden, die wir eigentlich nicht revidiert haben: Diese neue Sozialdemokratie nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem zweiten tiefen Einschnitt in ihrer Entwicklung, fragt nicht nach der weltanschaulichen Position des einzelnen, sondern fragt nach gemeinsamenWerten. Es gibt einen berühmten Satz vonSchumacher: Uns ist egal, ob einer von Marx herkommt oder von der Bergpredigt oder von Kant, die Frage ist, ob wir uns gemeinsam verständigen können auf Bezüge, die etwas mit Freiheit und Gerechtigkeit und Solidarität zu tun haben, wie wir es dann im Godesberger Programm 1959 formulierten.

Raddatz: Aber da steht auch etwas anderes drin, nämlich die Idee des demokratischen Sozialismus. Das ist ja nun kein völlig vage zu fassendes Wort, in dem sowohl dies das unterzubringen ist – worauf sich alle einigen können. Sie selber haben in Ihrer Rede zum zwanzigsten Jahrestag des Godesberger Programms, vor dem Mißverständnis gewarnt, es könnte eines der Abkehr vom Gedanken des Sozialismus sein.

Brandt: Der letzte Satz des Godesberger Programms heißt ungefähr, daß sich demokratische Sozialisten in Deutschland auf dem Boden der SPD finden. Da steht nicht, daß sich alle die, die sich auf dem Boden der SPD finden, als demokratische Sozialisten verstehen müssen. Ich habe jetzt darangedacht, als einige Kollegen, die bisher in der FDP waren, zur SPD gekommen sind: Das kann für die gar nicht so schwierig sein, denn dieser zusammenfassende Satz von Godesberg hat nichts Ausschließliches. Gustav Heinemann, Helene Wessel, Johannes Rau und Erhard Eppler waren in dem Augenblick, in dem sie Sozialdemokraten wurden, in ihrem eigenen Verständnis nicht Raddatz: Habe ich auch nicht unterstellt...