Es war alles so wie im letzten Jahr zur Vorweihnachtszeit. Der große Dichter, der mit dem Schnauzbart, las auf dem zugigen Dachboden des besetzten Hauses Bülowstraße 52 in Berlin-Schöneberg, das der Neuen Heimat gehört. Die Besetzer hatten Glühwein zubereitet; nach dem Vortrag der eigenen Werke stellte sich der Dichter der hitzigen Diskussion tages- und allgemeinpolitischer Fragen. Gekommen waren wieder rund 150 Hörer: die bürgerlichen Sympathisanten der Besetzer, die Liebhaber schöner Literatur – und natürlich die instandbesetzenden Hausherren, die übrigens zu den friedliebenden gehören und sich zäh und lange um vertragliche Regelungen mit dem gewerkschaftseigenen Besitzer bemühen.

Gleichwohl ist ihre Zukunft in ihrer neuen Heimat ziemlich ungewiß. Denn nachdem der rechte Innensenator Heinrich Lummer in den letzten Wochen mehrere Besetzerkollegen aus deren Häusern vertrieben hat, stehen die Zeichen in Berlin auf Ruhe vor dem Sturm. Die Wohnungsbehörde hat ihre erforderliche Zustimmung zu unterschriftsreifen Nutzungsverträgen versagt, die Besatzer und Besitzer vieler Häuser ausgehandelt hatten; und so können noch nicht einmal mehr die lieben Leute aus der „B 52“, die sich schon als „Vertragsschweine“ zeihen lassen mußten, vor eventueller Abräumung sicher sein.

Aber auf den großen Dichter werden sie sich auch im Härtefall verlassen können. Er hat, eine Patenschaft für die B-52-Besetzer übernommen, und, wie im letzten Jahr zur Vorweihnachtszeit, versichert er sie auch diesmal wieder seiner heftigen Solidarität: Wenn mit Polizeigewalt dieses Experiment der jungen Leute, anders zu leben, kaputtgemacht werde, dann werde er in dieser Stadt keine Lesungen mehr abhalten. Die Photoapparate klicken; eine Fernsehkamera surrt. Die Drohung des Dichters wird schon zu den Ohren der Mächtigen finden.

Das sagt der Dichter gleich dreimal – und als dann irgendwelche impertinenten Schnösel aus anderen besetzten Häusern immer noch quengeln, ob er sich denn nicht etwas mehr Solidarisches einfallen lassen könne, sich bei einer Räumung vielleicht publikumswirksam von der Polizei heraustragen lassen oder so, da protestiert der wortgewaltige Pate entrüstet gegen die „inquisitorische Befragung“.

Stimmung will da nicht so recht aufkommen. Auch hinterher nicht, als einige der Besetzer und ihre Paten in eine nahe gelegene Pizzeria gehen. Der Dichter, der kürzlich in die Sozialdemokratische Partei eingetreten ist, kommt mit, und natürlich auch der andere Pate, der linke Professor, der früher Bundesvorsitzender der Jungsozialisten war. Ihre Paten bestellen sich mit geübt-energischem Blick auf die Speisekarte etwas zu essen; die Hausbesetzer agieren zaghafter – zwar sind es Studenten, die auch aus recht solidem Elternhaus stammen und ganz gern mal gut essen gehen; aber was sie an bescheidenen Mitteln haben, wurde in den letzten zwei Jahren in „ihr“ Haus gesteckt.

Auch nach dem möglichen Tag X, wenn die Grün-Uniformierten die Häuser besetzen, wollen sie zusammenbleiben; der Pfarrer aus der Nachbarschaft hat schon angekündigt, sie könnten dann Zuflucht in seiner Kirche finden. Da steht auch der dichtende Pate nicht zurück – ja, beantwortet er die Frage, die erwartungsvoll im Raume schwebt, auch er sei dann selbstverständlich weiterhin ein Ansprechpartner für die jungen Leute. Und das ist ja schon eine ganze Menge; diese sind höfliche Besetzer und so dringen sie nicht weiter inquisitorisch in ihn ein.

Der Kellner kommt und kassiert. Die Paten zahlen ihre Zeche, die Besetzer die ihre – alles wie im vorigen Jahr zur Vorweihnachtszeit. Nur diesmal haben sie die Pizzeria ausgesucht, und so ist sie auch entschieden preisgünstiger als damals. 70 oder 80 Mark Defizit werden sie mit ihrer Veranstaltung auch dieses Jahr gemacht haben, schätzt Christian – mit dem Glühwein, den Einladungen, die vervielfältigt und verschickt werden mußten. Nein, der Patendichter werde selbstverständlich nicht angegangen und auch die anderen Unterstützer nicht. So viel Geld hätten die ja auch nicht, und es sei doch schon eine ganze Menge, wenn sich so honorige Leute mit ihrem Namen und Ansehen hinter die Sache stellen würden,

Es sind sehr höfliche und bescheidene Besetzer; und im übrigen hat G. G. ja auch ganz umsonst gelesen. Wie sicherlich auch im nächsten Jahr, wenn es das besetzte Haus Bülowstraße 52 in Berlin-Schöneberg noch gibt. Eine Pizzeria wird es in jedem Fall geben. Klaus Pokatzky