Von Hinrich Basemann

Schwerelos hängt die rotschwarze Boje in der grauen Unendlichkeit des nordfriesischen Wattenmeeres, Träge wie flüssiges Blei schwappt das schmutzig-silbrige Wasser. In der leeren Ferne treibt lautlos ein Krabbenkutter seinem Heimathafen auf Amrum entgegen.

Es liegt Gefahr in der Luft. Ein Frühjahrssturm steht bevor. Der sanft hin und her pendelnde rotschwarze Zeigefinger signalisiert jedoch, daß wir noch Zeit haben. Wir dürfen diese große Stille in uns aufnehmen, von einer grauen Stadt am Meer träumen, von in vergangenen Jahrhunderten ertrunkenen Dörfern und Menschen.

Das schwache Läuten einer Glockenboje ist Erinnerung an untergegangene Kirchen, die Menschen zur Buße rief. Aber sie kamen nicht, bauten weiterhin den salzigen Torf der Marschen ab, verpraßten die Gewinne, vergaßen den Pastor. In dem fahlen Leichentuch des Watts ruhen sie nun; der blanke Hans läßt sich nun mal nicht ungestraft herausfordern.

Die Menschen hier an der schleswig-holsteinischen Westküste wissen das heute und sehen sich vor. Daß sie dabei in ihren laufenden Deichbauplanungen, zum Beispiel in der Nordstrander Bucht, weit über das nötige Maß hinausschießen, ist vielen Einheimischen, Politikern und Umweltschützen klar. Man kann nicht beliebig große Stücke aus einem lebenden Organismus herausschneiden, ohne ihn irgendwann zu töten. Wo sollen sie denn hin, die ältesten Bewohner dieses amphibischen Lebensraumes, die Wasservögel?

Aus dem grauen Himmel schwingt sich gerade ein Pfeil Eiderenten heraus. Vor uns tauchen die Umrisse des Anlegers der Hallig Hooge aus der rauchigen Milchglaslandschaft auf. Das kleine Schiff mit dem stolzen Namen "Seeadler" macht fest, und die gelbbejackten Passagiere betreten schweigend das Land. Selbst die Landratten haben auf der Überfahrt gefühlt, daß schweres Wetter droht.