Die Bühne: ein grünes Riesen-Beet, besteckt mit 15 000 rosa (Stoff-)Nelken ("importiert aus Bangkok von der Firma Edmund Hintze, Hamburg"). Das Programmheft, das alle 17 Tänzer des Ensembles, auch die Männer, in Ballett-Röcken oder weiten Abendkleidern abbildet: eine kleine Anthologie "über die Liebe", von der Bibel bis zum anonymen "Poesiealbum". Die Musik: ein Tonband-Potpourri aus Schubert, Léhar, Gershwin und weniger bekannten Tonsetzern, unter Mitwirkung von Richard Tauber, Louis Armstrong und anderen. Die Kostüme: eine Modenschau, mal prächtig, mal (absichtlich) schäbig, von der beim Wuppertaler Tanztheater bewährten Marion Cito.

Es könnte sein: eine Pina-Bausch-Premiere, wie wir sie oft in den letzten zehn Jahren im Opernhaus in Wuppertal-Barmen erlebt haben.

Aber dann ist alles anders. Zum erstenmal keine Proteste des Publikums während der Aufführung. Keine Abonnenten fliehen türenschlagend vor Einfällen, welche die Phantasie der kühnsten Choreographin-Regisseurin Deutschlands ihnen zumutet. Am Schluß: Jubel und Seligkeit, die darüber wegtäuschen könnten, daß die Premiere des titellosen "Stücks von Pina Bausch" neben der Begabung auch die Erschöpfung einer Künstlerin ausstellt. Zwar ist Pina Bausch, endlich, auch in Wuppertal angekommen (im doppelten Sinn des Wortes), aber sie hat sich von sich selber entfernt.

Zehn Jahre Arbeit mit einer (wenn auch immer wieder erneuerten) Gruppe wären schon unter gewöhnlichen Bedingungen des Theaters eine beide Teile, Choreograph und Ensemble, bis zur Einfallsleere ausbeutende Zeit – man denke an John Neumeiers Schicksal in Hamburg. Versagt sich eine Tanzgruppe auch noch der Herausforderung durch "fremde" Ideen, Stücke, Choreographien, tänzerische oder dramatische Musiken und die Zusammenarbeit mit anders denkenden und probierenden Künstern, wie dies die Wuppertaler seit einiger Zeit tun, so drohen Insider-Erfindungen, die zwar die "Gemeinde", die sich um Pina Bausch (mit guten Gründen!) gebildet hat, vielleicht noch entzücken, den kritischen Beobachter jedoch, gerade dann, wenn er von dieser Künstlerin viel gelernt hat, in betrübter Nachdenklichkeit nach Hause schicken.

Quälender Augenblick, wenn ein Tänzer an die Rampe tritt ("Können Sie vielleicht alle mal aufstehen?") und ein vor Begeisterung quietschendes Publikum auffordert, den (stark vereinfachten) Bewegungsablauf, den die Tänzer eben vorgeführt haben, zu heimeliger Musikbegleitung nachzuturnen: "Eins, zwei, Arme auf – eins, zwei, Arme zu." Da ist der Schwachsinn des "Bunten Abends" nicht mehr fern, an dem "Animateure" einen ganzen Saal voller Menschen durch gemeinsame Gymnastik zu einer verlogenen Art von Wir-Gefühl überreden.

Bisher bestand Pina Bauschs Leistung auch darin, die Menge der Zuschauer durch die Hartnäckigkeit ihrer Fragen, ihrer irritierenden Wiederholungen zu lauter Einzelnen zu machen. Theaterbesucher wurden aus der Routine ihrer Seh-und Denk-Gewohnheiten gerissen, Abonnenten aus ihrer Konsumenten-Sicherheit aufgestört. Fragen, wie Pina Bausch sie während der Arbeit an den "Stücken" der letzten Jahre ihren Tänzer-Mitarbeitern immer wieder gestellt hat und wie sie im Programmheft zu diesem Abend stehen ("Wie habt Ihr Euch als Kinder die Liebe vorgestellt? Wenn Euch jemand zur Liebe zwingen will – wie reagiert Ihr da?"), haben sich auch den Zuschauern gestellt – durch die Versuche jedes Einzelnen der Gruppe zu einer Antwort. Aber die (lange Zeit ergiebige) Spurensuche in der Vergangenheit erschöpfte sich während einer längeren Phase gemeinsamer Arbeit: nicht mehr eine Nacht der Suche, des qualvollgeduldigen Ausprobierens aus Erkenntnis-Drang und Wanrheits-Verlangen, sondern ein Abend der flink gefälligen Antworten. Kommen Pina Bausch und ihr Wuppertaler Tanztheater ans Ende der Fragen?

Hinweise auf ein Sackgassen-Gefühl der Gruppe sind nicht zu übersehen: