In Prag gab der neue Kreml-Chef die Linie an: Reformen ohne Risiko

Von Christian Schmidt-Häuer

Ungarns Parteichef Janos Kádár stieg aus dem Zug und versicherte seinen Landsleuten, daß der Kurs der Partei unverändert bleiben werde. Er rühmte, ohne Rücksicht auf den neuen Kreml-Chef, dessen Vorgänger mit ungewöhnlich warmen Worten.

So geschah es am 18. Oktober 1964, vier Tage nach Chruschtschows Sturz. Die osteuropäischen Parteichefs – neben Kádár waren besonders der Pole Gomulka, der Tscheche Novotny und der Bulgare Schiwkoff dem gestürzten Ukrainer verpflichtet – fühlten sich völlig übergangen. Sie sahen ihre größere nationale Eigenständigkeit, die Chruschtschow mit der Zeit gestattet hatte, bedroht. In ersten Telephonaten mit ihnen war der neue Parteichef Breschnjew bei der Mär vom "verschlechterten Gesundheitszustand" Chruschtschows geblieben, über den künftigen Kurs des Kreml hatte er nichts Konkretes zu sagen. Der Prager Parteichef Novotny erwiderte empört, Nina Chruschtschowa halte sich noch zur Kur in Karlsbad auf, sie habe erst vor ein paar Tagen mit ihrem Mann telephoniert, und der sei nicht im geringsten mit seiner Gesundheit unzufrieden gewesen.

Novotny war so aufgebracht über die Behandlung durch den Kreml, daß er zum 47. Jahrestag der Oktoberrevolution nicht nach Moskau fuhr. Auch auf dem ersten Warschauer-Pakt-Gipfel, bei dem sich im Januar 1965 in Warschau der neue Kreml-Chef seinen osteuropäischen Kollegen stellte, kam es zu keiner Aussöhnung zwischen Breschnjew und Novotny. Aus der so entstandenen Feindschaft beging Breschnjew später den folgenschwersten Fehler seiner Amtszeit: Er ließ den Sturz des ungeliebten Novotny Anfang 1968 mit einem gewissen Wohlgefallen zu – und verhalf damit den Prager Reformpolitikern um Alexander Dubček zur Macht.

Von solchen Emotionen und auch vom damaligen Informationsstil wird sich der 68jährige Jurij Andropow nicht leiten lassen. Sein erstes Gipfeltreffen als Parteichef mit Moskaus osteuropäischen Lehnsherren Anfang dieser Woche in Prag – zu dem ihn Gastgeber Gustav Husák mit drei Bruderküssen begrüßte, die anderen Parteiführer bekamen nur zwei – stand unter völlig anderen Vorzeichen als die Konferenz-Premiere seines Vorgängers im Januar vor 18 Jahren. Während Breschnjew in Osteuropa fast konzeptlos Neuland betrat, hat Andropow gerade im Umgang mit den sozialistischen Nachbarn seine politische Statur gewonnen. Nach seiner Schlüsselrolle als Botschafter in Budapest beim Ungarn-Aufstand 1956 war er zehn Jahre lang Leiter der ZK-Abteilung für den Ostblock. Gemeinsam mit dem Parteiideologen Suslow führte er die Auseinandersetzungen mit China und Albanien; Ceausescus erste Schritte auf Rumäniens nationalem Sonderkurs verfolgte niemand so genau wie Andropow. Auch nachdem er 1967 KGB-Chef geworden war, erfuhr er durch sein Amt mehr über die Grenzen und Gefahren der nationalen und reformerischen Emanzipationsbestrebungen in Osteuropa als jeder andere Kreml-Politiker – vom Prager Frühling bis zum Warschauer August.

Breschnjew stand vor 18 Jahren unsicher vor einer zentralen Entscheidung: Konnte der Kreml einen weiteren Verlust seiner Autorität in Kauf nehmen, indem er Chruschtschows relativ tolerante Politik gegenüber dem wachsenden Nationalismus der Osteuropäer fortsetzte? Oder sollte Moskau das sozialistische Lager wieder fest an die Kandare nehmen und dadurch die sich anbahnende Wirtschaftskooperation zwischen Ost und West gefährden? Jener Warschauer Gipfel lag noch im Nebel des Unwägbaren und der verbliebenen Illusionen. Beim jetzigen Treffen auf der Prager Burg waren alle Illusionen verflogen, lag der Berg der fast unüberwindbaren Probleme in klaren Konturen vor den Parteichefs.